Wissenschaftsbetrug im Fokus

Fäl­le wis­sen­schaft­li­chen Betrugs stei­gen angeb­lich rasant an. Ins­be­son­de­re Wis­sen­schafts­fach­zeit­schrif­ten ver­su­chen durch neue Metho­den dem zu ent­geg­nen. Und zwei For­scher haben ver­sucht zu errech­nen, was ein Betrugs­fall kostet.

Daten erfin­den, Ergeb­nis­se fäl­schen, Fäl­le so aus­wäh­len, dass sich das gewünsch­te Resul­tat ein­stellt“ (zit. Plüm­per 2014), die „Metho­den“ wis­sen­schaft­li­chen Betrugs sind viel­fäl­tig (gewor­den) und wer­den angeb­lich immer zahl­rei­cher. Dies zumin­dest schreibt heu­te Tho­mas Plümp­ler, unter ande­rem Pro­fes­sor of Government an der Uni­ver­si­tät Essex in der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“. Der Ruf nach Sank­tio­nie­rung von Wis­sen­schafts­be­trug zumin­dest in Deutsch­land gemäß § 263 Straf­ge­setz­buch (Betrug) wer­de des­halb immer lau­ter – und nüt­ze nichts. Denn der „All­tag wis­sen­schaft­li­chen Betrugs besteht nicht in der Erfin­dung von Ergeb­nis­sen, son­dern dar­in, Ergeb­nis­se in die gewünsch­te Rich­tung zu beein­flus­sen. Beson­ders geeig­net sind eine selek­ti­ve Fall­aus­wahl, das Erset­zen feh­len­der Mes­sun­gen durch geeig­ne­te Wer­te und die stra­te­gi­sche Wahl ‚güns­ti­ger‘ Modell­spe­zi­fi­ka­tio­nen. … Die­se sub­ti­le­ren For­men wis­sen­schaft­li­chen Betrugs sind nicht nur wei­ter ver­brei­tet, son­dern letzt­lich auch sehr viel schwie­ri­ger nach­zu­wei­sen …“ (zit. Plüm­ler 2014).

Ins­be­son­de­re der Peer-Review-Pro­zess wis­sen­schaft­li­cher Fach­zeit­schrif­ten als deren angeb­li­ches Haupt­in­stru­ment der Qua­li­täts­si­che­rung kön­ne der­lei Betrug nicht auf­de­cken. Ein sol­cher Begut­ach­tungs­pro­zess prüft Ver­öf­fent­li­chun­gen nur hin­sicht­lich ihrer Plau­si­bi­li­tät, was Red­lich­keit der Auto­ren unterstellt.

Das poli­tik­wis­sen­schaft­li­che Pro­jekt „egap“ und die „RCT Regis­try“ der Ame­ri­can Eco­no­mic Asso­cia­ti­on ver­su­chen nun in die­sem Peer-Review-Pro­zess neue Wege zu gehen und bie­ten jeweils eine Platt­form zur Vor­ab­re­gis­trie­rung von Expe­ri­men­ten. Ein­mal regis­triert kön­nen For­scher der­lei Expe­ri­men­te nach­träg­lich nicht mehr ver­än­dern – angeb­lich. Tat­säch­lich aber wer­den expe­ri­men­tel­le Daten bis heu­te als Pri­vat­be­sitz des jewei­li­gen For­schers ange­se­hen, und ein For­scher muss die­se weder ver­öf­fent­li­chen noch Gut­ach­tern wei­ter­ge­ben. Eine sol­che Regis­trie­rung ermög­licht damit wei­ter­hin Tei­le von Stich­pro­ben zu ent­fer­nen, wenn sie das eige­ne For­schungs­vor­ha­ben nicht wunsch­ge­mäß beeinflussen.

Einen wei­ter­füh­ren­den Ansatz ver­folgt des­halb die Fach­zeit­schrift „Poli­ti­cal Sci­ence Rese­arch and Methods“. For­dern die meis­ten sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Fach­zeit­schrif­ten mitt­ler­wei­le die Bereit­stel­lung von Repli­ka­ti­ons­da­ten­sät­ze und Ana­ly­se-Codes von den Auto­ren, so for­dert genann­te Fach­zeit­schrift auch die Ver­öf­fent­li­chung der Repli­ka­ti­ons­da­ten­sät­ze – und beschäf­tigt zusätz­lich gleich noch einen Sta­tis­ti­ker, der vor der Ver­öf­fent­li­chung eines Arti­kels alle betref­fen­den Ana­ly­sen repli­zie­ren soll. 10 Pro­zent aller bereits ange­nom­me­nen Manu­skrip­te erwie­sen sich so als feh­ler­haft. Bei 5 Pro­zenht waren die Ergeb­nis­se über­haupt nicht wie­der herstellbar.

Ein wei­te­res Werk­zeug im Kampf gegen Wis­sen­schafts­be­trug sind Robust­heits­tests. Hier wird ver­ein­facht gesagt nichts ande­res ver­sucht als zu prü­fen, ob die­sel­ben Ergeb­nis­se mit einem ande­ren Modell­de­sign und ande­ren eben­so plau­si­bel erschei­nen­den Annah­men erzielt wer­den kön­nen. Robust­heits­test schüt­zen nicht vor Fehl­spe­zi­fi­ka­tio­nen. Aber sie füh­ren die Fra­gi­li­tät empi­ri­scher Ergeb­nis­se vor Augen. Doch: Der­zeit ent­schei­den noch die ver­öf­fent­li­chungs­wil­li­gen Auto­ren selbst, wel­che Robust­heits­tests für ihre eige­nen For­schungs­er­geb­nis­se ange­wen­det wer­den sol­len. Das soll­ten künf­tig die Gut­ach­ter und Her­aus­ge­ber der betref­fen­den Fach­zeit­schrif­ten ent­schei­den, so Herr Plümper.

Zum The­ma Wis­sen­schafts­be­trug haben zwei For­scher am Bei­spiel der welt­weit größ­ten För­der­insti­tu­ti­on in den Lebens­wis­sen­schaf­ten, der US-ame­ri­ka­ni­schen Gesund­heits­be­hör­de Natio­nal Ini­sti­tu­te of Health (NIH), ver­sucht zu errech­nen, wie­viel För­der­gel­der an Wis­sen­schafts­be­trü­gern „ver­schwen­det“ wor­den sei­en. In Zeit­raum 1992 bis 2012 kamen sie auf ca. 425.000,- USD pro Betrugs­fall. Das hat die bei­den For­scher, den Mikro­bio­lo­gen Fer­ric Fang von der Uni­ver­si­ty of Washing­ton und sei­nen Medi­zi­ner-Kol­le­gen Andrew Stern, ent­täuscht. Sie ver­mu­te­ten einen weit höhe­ren Scha­den. Aller­dings wur­den ein­fa­che Pla­gia­te nicht in die Betrach­tung mit auf­ge­nom­men. Auch der Anteil aller Fäl­schungs­ar­bei­ten von unter 1 Pro­zent an der Gesamt­heit aller erfass­ten För­de­rer ent­täusch­te. Dabei stimmt die­ses Ergeb­nis von den Grö­ßen­ver­hält­nis­sen her fast über­ein mit den Ergeb­nis­sen einer Meta­ana­ly­se von knapp 20 anony­men Umfra­gen und Stu­di­en unter Wis­sen­schaft­lern vor ein paar Jah­ren: Nur 2 Pro­zent der befrag­ten Wis­sen­schaft­ler geben wis­sen­schaft­li­ches Fehl­ver­hal­ten zu.

Und so kön­nen die bei­den For­scher Fang und Stern ihre Ergeb­nis­se nicht so rich­tig inter­pre­tie­ren. Denn einer­seits muss nicht jeder Dol­lar eines geför­der­ten Wis­sen­schafts­be­trugs zum Fens­ter her­aus­ge­schmis­sen sein, even­tu­el­le Neben­er­geb­nis­se und deren Ver­wer­tungs­mög­lich­kei­ten sind nicht abschätz­bar. Ande­rer­seits las­sen sich die Fol­ge­schä­den noch viel weni­ger abschät­zen, von För­der­aus­fäl­len nach bekannt­ge­wor­de­nem Wis­sen­schafts­be­trug über den Abfluss fach­frem­der Gel­der für Gerichts­pro­zes­se bis hin zu Fol­ge­schä­den für die gan­ze Gesell­schaft. Als Bei­spiel die­ser Fol­ge­schä­den für eine gan­ze Gesell­schaft wird eine medi­zi­ni­sche For­schungs­ar­beit aus dem Jahr 1998 ange­führt, die eine direk­te Ver­bin­dung von Säug­lings­imp­fun­gen und Autis­mus ent­deckt haben woll­te. In der Fol­ge wur­den tau­sen­de von Eltern skep­tisch in Bezug auf Masern­imp­fun­gen – und tau­sen­de von Kin­dern erkrank­ten an die­ser nicht sel­ten töd­li­chen Krank­heit. Der­lei Impf­skep­sis ist bis heu­te verbreitet.

Quel­len:
Plüm­per, Tho­mas: Ver­trau­en ist gut, Kon­trol­le ist bes­ser. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 20.08.2014, S. N 4 (For­schung und Lehre).
Mül­ler-Jung, Joa­chim: 425 000 Dol­lar pro Betrug – ist das viel? In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 20.08.2014, S. N 4 (For­schung und Lehre).