Tödliche Hochschul-Drittmitteleinwerbung

Der Selbstmord eines 51-jährigen deutschen Forschers an einer britischen Hochschule befeuert die Diskussion über die Drittmitteleinwerbung an Hochschulen als Versuch privater Interessen, sich der Wissenschaft als Ganzes zu bemächtigen und diese nach ihren Vorstellungen zu manipulieren.

Ende September 2014 brachte sich Stefan Grimm um – 51 Jahre alt, Professor am Imperial College (ICL) in London, renommierter Pharmakologe, inhaltlich wissenschaftlich ein erfolgreicher und viel zitierter medizinischer Grundlagenforscher, akademisch ausgebildet in Deutschland, vor seiner Professur am ICL viele Jahre lang am Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried bei München tätig.

Warum brachte sich Herr Grimm um? Den Grund veröffentlichten seine Wissenschaftskollegen jetzt anhand einer seiner letzten E-Mails.

Danach sah sich der Wissenschaftler als Professor des Imperial College dem Druck Drittmittel einzuwerben nicht mehr gewachsen. Das College stellte Herrn Grimm aufgrund mangelnder Drittmitteleinwerbung nach 10 Jahren seine Entlassung in Aussicht. Den wissenschaftlichen Austausch und die Zusammenarbeit mit seinen wissenschaftlichen Kollegen habe er enorm genossen, schreibt Herr Grimm in besagter Email. Aber er sei in die Falle gegangen wie viele andere auch, die Reputation der Wissenschaft mit der Realität zu verwechseln. Denn das ICL sei wie viele andere Hochschulen auch heutzutage keine Universität mehr, sondern ein „Business“ (zitiert nach Spelsberg/Burchardt 2015). Sinn, Ziel und Zweck dieser Hochschule sei nur noch Profit zu erzielen, während der Rest – und mit dem Rest meint der Professor sich selbst, andere Professoren und alle Studenten – nur noch gemolken würden. Eine Manager-Wissenschaft, die nur noch Finanzen im Kopf habe, sei anstelle inhaltlicher Wissenschaft getreten. Dies führe auch dazu, dass die Einwerbung von Wissenschaftlern aus anderen Ländern nicht eine Einwerbung der Personen und ihrer inhaltlichen Qualifikationen selbst sei, sondern nur ein Einkaufen ihrer bisherigen Arbeiten, um die Bewertungen und Rankings britischer Universitäten zu erhöhen. Einmal eingeworben, würden diese Wissenschaftler danach alleingelassen, entweder um Drittmittel zu beschaffen oder gleich wieder hinausgeworfen zu werden. Selbst wenn die eingeworbenen Wissenschaftler wissenschaftlich weiter erfolgreich seien, aber keine oder zu wenig Drittmittel einwerben würden, wäre das aus Hochschulsicht die Gesamtnote „genügend“ und würde zum Rausschmiss führen. Durch eine solche profitgeleitete Wissenschaft würden „echte“ Wissenschaftler, denen es um den wissenschaftlichen Diskurs und um die Wahrheit in ihrem eigenen Fachgebiet geht, zerstört. Der heutige Wissenschaftsbetrieb habe mit Wissenschaft nichts mehr zu tun. Zumindest sein Leben sei dadurch zerstört worden, so letztlich Professor Grimm

Dieses erschütternde letzte Stellungnahme eines Wissenschaftlers und dann die erschütternde Konsequenz, sein Selbstmord, werfen ein Schlaglicht auf eine sich immer mehr pervertierende „Wissenschaft“. Erst nachdem das Schicksal von Stefan Grimm in Internetblocks verbreitet wurde, sah sich das ICL zwei Monate nach dessen Tod genötigt, einen Nachruf auf ihn zu veröffentlichen. Man versprach eine Untersuchung des Falls, ein Ergebnis gibt es noch nicht.

Die immer stärker werdende Drittmitteldoktrin in der Wissenschaft und an Hochschulen scheint immer stärker die akademische Kultur umzuwandeln. Die Öffentlichkeit bekommt bisher davon indes wenig mit. Es geht nicht mehr um Bildung und Erkenntnisgewinn, es geht aufgrund der immer marktförmiger organisierten akademischen Bildung ganz offensichtlich zunehmend nur noch ums Geld. Der wissenschaftliche Diskurs und mit ihm eine Wissensweiterentwicklung wird durch die Drittmitteldoktrin abgelöst von den Interessen derjenigen Einzelnen, die diese Bildung und Wissenschaft finanzieren. Die Finanziers und deren Partikularinteressen manipulieren, unterminieren und pervertieren die Idee der Universität seit Humboldt, alles nur Denkbare zum Gegenstand möglichen Wissens zu erheben. Aus einem intellektuellen Selbstzweck wird ein „Neger“ der Geldhaber. „Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen“ (Schiller 1783, 3. Aufzug, 4. Szene). Der Nutzen der Geldgeber gewinnt die Definitionshoheit über Forschungsthemen, Forschungsmethoden und die Existenzberechtigung welcher wissenschaftlichen Strömungen auch immer.

Der heutige Wissenschaftler muss also zunehmend seine Erkenntnisse, die letztlich nicht mehr seine Erkenntnisse, sondern die Erkenntnisse der Geldgeber sind, auch noch marktkonform bewerben und verkaufen. Marketing-und Management-Qualifikationen werden zunehmend mehr gefordert als tatsächliche wissenschaftliche Kompetenz. Drittmitteleinwerbungen binden Ressourcen, die dem Wissenschaftsbetrieb entzogen sind. Letztendlich ist diese Entwicklung

eine Umverteilung kollektiver Werte – Wissenschaftler überall in der Welt werden bis heute ganz überwiegend mit staatlichen Geldern ausgebildet – hin zum Profit des Einzelnen. Zugespitzt kann man von einem Raubzug der Drittmittelgeber im durch das Kollektiv finanzierten Wissenspool sprechen.

Immer mehr Zielvereinbarungen mit Vorgesetzten beinhalten Leistungserwartungen von Wissenschaftlern, die Drittmitteleinwerbungen quantitativ, also in harten Eurobeträgen, benennen. So werden nicht nur Wissenschaftler inhaltlich ausgebeutet. Die Qualität der Hochschulen und Universitäten insgesamt wird durch die Drittmitteldoktrin fortlaufend unterminiert durch wissenschaftlichen Qualitätsverlust, denn der geeignetste Lehrstuhlinhaber ist der Wissenschaftler mit der größeren Marketing-und Managementstärke, und nicht der Wissenschaftler mit der höchsten wissenschaftlichen Kompetenz seines Faches. Damit werden auch die Qualität der Lehre und die Qualifikation der zukünftigen Studenten abgeschmolzen und unterminiert.

Diese Rezession menschlichen Wissens durch die Drittmitteldoktrin, die autoritäre Führungskonstellationen und ausbeuterische Beschäftigungsverhältnisse, Verdummung künftiger Studentengenerationen und eine Manipulation angeblichen Wissens der Menschheit beinhaltet, führt schon heute zu realen Fakten. So wurde in letzter Zeit relativ viel geschrieben über manipulierte Studiendaten bei Generika und patentgeschützten Medikamenten. Mit das herausragende Beispiel des letzten Jahres 2014 dürfte Tamiflu sein, das meistverkaufte Grippemittel der Welt, das aus Angst vor starker Grippeepidemien viele Länder dieser Welt für ihre Bevölkerung eingelagert haben. Im April 2014 stellte sich heraus: Dieses Grippemittel ist praktisch überhaupt nicht wirksam. Forschung über Drittmittel führt auch zu prekären Eigentumsverhältnissen: Wissenschaftliche Ergebnisse, Studienergebnisse sind Eigentum des Drittmittelgebers, der allein darüber entscheidet, was veröffentlicht wird und was nicht. So können und werden wissenschaftliche Daten unterschlagen, die der Vermarktung eines Produktes entgegenstehen könnten. Der Ausbeutung der kollektiv finanzierten Wissenschaft steht allein im medizinischen Bereich eine Ausbeutung desselben Kollektivs hinsichtlich seiner Gesundheit zur Seite: Allein im deutschen Gesundheitssystem steigen ständig die Kosten für immer neue und immer teurere Präparate; deren Wirksamkeit ist zunehmend wissenschaftlich nicht mehr beurteilbar.

Quellen dieser News:
Spelsberg, Angela / Burchardt, Matthias: Unter dem Joch des Drittmittelfetischs. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.01.2015, S. 8.
Schiller, Johann Christoph Friedrich von: Die Verschwörung des Fiesko zu Genua. 1783.
o.V.: Neue Daten: Grippemittel Tamiflu nutzt nichts. In: Der Spiegel vom 10.04.2014, http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/tamiflu-umstrittenes-grippemittel-hat-keinen-nutzen-a-963768.html (abgerufen am 17.01.2015).

Weiterer Link zum Thema:
Ghostwriter.nu: Der Markt in der Hochschule versagt . Ghostwriter.nu-News vom 19.11.2014.