Studium ohne Latinum?

Im Süden der Republik und in Nordrhein-Westfalen können bis heute eine Reihe von Fächern nicht ohne das Latinum studiert werden. Jetzt soll diese antiquierte und heutzutage in kaum noch einer Hinsicht fachlich und sachlich gerechtfertigte Studienbarriere zumindest in Nordrhein-Westfalen beiseite geräumt werden. Dagegen gibt es Widerstand.

Für das Studium des höheren Lehramts an Gymnasien in den romanischen Sprachen Französisch, Spanisch und Italienisch fordern Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland noch Lateinkenntnisse. In Nordrhein-Westfalen zumindest gilt diese Studienhürde auch für Gesamtschullehrer und auch für die Lehramtsstudienfächer Englisch, Geschichte, Philosphie und Religion.

Dagegen machten in Nordrhein-Westfalen vor bald einem Jahr insbesondere Studenten mobil. AStA-Vertreter schlossen sich der Forderung an, die Latinumspflicht in diesen Studienfächern abzuschaffen, ebenso die SPD, Grünen und Piraten. Dagegen stellten sich naturgemäß insbesondere humanistische Gymnasien, aber natürlich auch der Deutsche Altphilologenverband, allerdings auch der Philologenverband, der nordrhein-westphälische CDU-Fraktionsvorsitzende Armin Laschet und die Klasse für Geisteswissenschaften der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Bis hin zu den Aussagen „Wer sich wissenschaftlich mit modernen europäischen Fremdsprachen oder Geisteswissenschaften beschäftigen möchte, muss in der Lage sein, die entsprechenden Quellentexte im Original bearbeiten zu können“ (Kölner Lehramtsstudentin Hannah Birken, Online-Petitions-Initiatorin zum Erhalt von Lateinkenntnissen, zit. nach Schmoll 2014), „Wer das Latinum entwertet, legt letztlich die Axt ans Gymnasium“ (Laschet, zit. nach ebd.) oder „Im Übrigen dürfte es immer die schlechteste Lösung sein, Problemen der Studienorganisation durch immer niedrigere Anforderungen zu begegnen“ (zit. Schmoll 2014 selbst) verstiegen und versteigen sich die Gegner der Latinumsabschaffung.

Nun hat sich die nordrhein-westfälische Kultusministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) auch für die Latinumsabschaffung ausgesprochen – und das gibt noch mehr Rabbatz.

Aber, mein lieber Schieber: Lateinkenntnisse mit Gymnasium gleichzusetzen, das Fehlen derselben mit immer niedrigeren Studienanforderungen und gar mit dem Unvermögen sich überhaupt mit Geisteswissenschaften wissenschaftlich beschäftigen zu können und Lateinkenntnisse mit den Geisteswissenschaften schlechthin – das ist schon ultraharter Tobak der paar Hanselen, die Latein (einst) an ihren Gymnasien gelernt hatten gegenüber der überwältigenden Mehrheit aller

Gymnasiasten und Studenten, die mit Latein noch nie auch nur das Geringste am Hut hatte – und trotzdem sind die alle was geworden oder werden es noch.

Dieser Fall ist ein sehr gutes Beispiel, wie einige wenige Eiferer einer großen Mehrheit sagen wollen wo’s lang geht.

Im Übrigen: Lateinkenntnisse in den Geisteswissenschaften, ausdrücklich auch in z.B. Geschichte und Philosophie, sind beispielsweise an der Freien Universität Berlin als eine der größten Präsenzuniversitäten Deutschlands vor weit über einem Viertel Jahrhundert schon abgeschafft worden. Von einer geistigen Degenerierung der „Opfer“ derlei Studiengänge ohne Latein ist bis heute nichts bekannt.

Quelle:
Schmoll, Heike: Lehramt ohne Latinum? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung von Freitag, den 22.08.2014, S. 8.