Promovierte und Habilitierte unter Plagiatsverdacht sowie Ghostwriter generell sind schuldig!

Recht aus Moral gegen Promovierte und Habilitierte unter Plagiatsverdacht sowie gegen Ghostwriter überhaupt

Seit dem Fall Guttenberg werden nicht nur Ghostwriter mit Plagiat gleichgesetzt und hat sich die Ghostwriter-Branche stark kriminalisiert. Auch nehmen seither die Plagiatsvorwürfe, gemacht von Dritten wie zum Beispiel der Internetplattform Vroniplag, und die nachfolgenden Überprüfungen dieser Plagiatsvorwürfe durch Universitäten bei Dissertationen und Habilitationen stark zu. Dies ist insbesondere in Medizin der Fall, einem Fachbereich, in dem Ergebnisse von Arbeitsgruppen traditionell von mehreren in die eigene Dissertation übernommen werden. Nicht selten handelt es sich hierbei um übergreifende Forschungsvorhaben. Die Verfahrensregeln dieser Prüfungen und auch die Zusammensetzungen der Prüfungskommissionen werden jedoch zunehmend zweifelhafter – nicht anders, als es die so pauschalen wie haltlosen Vorwürfe gegen Ghostwriter in Sachen Plagiat immer waren.

Von „Beschuldigten“ und „Ermittlungen“ sowie Entscheidungen nach “entsprechende Anwendung der Strafprozessordnung … ohne förmliches Verfahren“ spricht beispielsweise eine akademische Untersuchungskommission der Universität Göttingen in einem Abschlussbericht zu zwei Plagiatsvorwürfen. Grundlage der einen Plagiatsüberprüfung war eine 40 Jahre alte Habilitationsschrift oder Doktorarbeit, deren Verfasser von anderen abgeschrieben haben soll. Die „Ermittlungen“ wurden indes „endgültig eingestellt“ wegen “erwiesener Unschuld“ bzw. „fehlendem Tatverdacht“. Die Untersuchungskommission bestand aus drei Wissenschaftlern ohne juristische Bildung und zwei Berufsrichtern ohne wissenschaftlichem Grad.

In Freiburg entzog die dortige Universität einem Sportmediziner mit wissenschaftlichem Namen seine Habilitation, die ebenfalls Jahrzehnte alt war, mit der Begründung, dieser habe „textidentische“ Überschneidungen seiner Habilitation mit ein paar Doktorarbeiten aus einem Umfeld „billigend in Kauf genommen“.

Beide genannte Habilitierte waren zur Zeit ihrer Habilitation wissenschaftliche Arbeitsgruppenleiter.

Eine „neue“ Objektivität gegenüber Promovierten und Habilitierten unter Plagiatsverdacht – und vielleicht auch gegenüber Ghostwritern?

Der Jargon und dahinter stehende Denken ist mehr als irritierend. Universitäten sind keine Gerichte und schon gar nicht Strafgerichte. Dergestalt gerieren sich jedoch ganz offenbar zumindest Teile der Universitäten – nicht anders, als sich Teile der Öffentlichkeit, insbesondere Medien, gegenüber Ghostwritern gerieren.

Die angebliche Lösung von Plagiatsprüfungen ist noch irritierender, weil man meinen sollte, diese sei wie selbstverständlich Praxis. Sie ist es offenbar nicht. Denn andernfalls hätte der Münchner Rechtsprofessor und Plagiatsexperte Volker Rieble es nicht für nötig befunden, mit dem Verwaltungsrecht einen anderen Ansatz der Plagiatsprüfung hervorzuheben. Dieser Ansatz sieht vor, man staune, von subjektiven Motiven ganz abzusehen – das würde auch dem Begriff des Ghostwriters gut tun – und stattdessen nur noch auf objektiv “unrichtige oder unvollständige Angaben“ bei Plagiatsvorwürfen abzuheben. Insbesondere die einfache Beweisbarkeit sei der Vorzug dieser Objektivität. Moralische Begriffe wie Täuschungsversuch, Schuld oder Unschuld – letztlich die zentralen Parameter auch bei der „Beurteilung“ von Ghostwritern insbesondere der selbsternannten Hüter „unserer“ Moral, den Medien – und dezidiert juristische Begriffe wie Vorsatz, Fahrlässigkeit, fehlender Tatverdacht oder billigende Inkaufnahme würden damit überflüssig.

Sachen gibt’s …

Quelle:

Horstkotte, Hermann: Moral oder Wahrheit? Plagiate: Universitäten machen es sich zu leicht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 02.09.2015, S. N4 (Forschung und Lehre) (online am 02.09.2015 noch nicht verfügbar), alle Zitate in Kursivschrift ebenda.