Prekäre Post-doc-Stellen

Das deut­sche Wis­sen­schafts­zeit­ver­trags­ge­setz bringt Pro­mo­vier­ten unter Umstän­den lebens­lan­ge Arbeits­be­fris­tun­gen. Jetzt soll die­ses Gesetz geän­dert wer­den. Die Situa­ti­on für Dok­to­ren in ande­ren Län­dern sieht indes nicht viel bes­ser aus.

Dass die Lage deut­scher Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler pre­kär ist, ist schon lan­ge bekannt. Jetzt soll das Wis­sen­schafts­zeit­ver­trags­ge­setz geän­dert wer­den, und des­halb wird die Situa­ti­on der Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler in Deutsch­land wie­der ver­mehrt dis­ku­tiert. Doch auch in ande­ren Län­dern ist die­se Situa­ti­on jun­ger Wis­sen­schaft­ler nach einer erfolg­rei­chen Pro­mo­ti­on oft nicht bes­ser. Post-Docs haben in befris­te­ten Stel­len die Mög­lich­keit ande­re Län­der ken­nen zu ler­nen und sich inter­na­tio­nal zu ver­net­zen. Sel­ten län­ger als drei Jah­re dau­ern Post-Doc-Ver­trä­ge. Dafür müs­sen Post-Docks vie­le inter­na­tio­na­le Orts­wech­sel hin­neh­men, die nicht sel­ten das Erspar­te angrei­fen, sofern über­haupt vor­han­den, und dies bei schlech­ter Bezah­lung, über­durch­schnitt­li­chem Arbeits­ein­satz – denn gera­de in die­ser Zeit ent­schei­det sich, ob es künf­tig eine fes­te Stel­le gibt oder nicht – und in einer Zeit, in der eigent­lich die Fami­li­en­grün­dung ansteht. So ist es eine Tat­sa­che, dass in Deutsch­land erst im Alter von ca. 40 Jah­ren die Ent­schei­dung ansteht, ob end­gül­tig eine Wis­sen­schafts­kar­rie­re ein­ge­schla­gen wer­den kann oder tat­säch­lich der Beruf gewech­selt wer­den muss. 63 % aller Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler, die kürz­lich befragt wur­den, raten des­halb trotz der Mil­li­ar­den, die der Bund seit neu­es­tem ver­mehrt in For­schungs­in­sti­tu­te pumpt, zu einer wis­sen­schaft­li­chen Kar­rie­re in Deutsch­land ab. Neben der blo­ßen Exis­tenz spiel­te bei die­ser Umfang im Übri­gen auch der Publi­ka­ti­ons­druck auf eine angeb­li­che wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät die Haupt­rol­le für ein der­art nega­ti­ves Votum der Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler Deutsch­lands. War­um das alles?

Das der­zei­ti­ge Wis­sen­schafts­zeit­ver­trags­ge­setz soll zwar die Befris­tung von Arbeits­ver­trä­gen mit wis­sen­schaft­li­chem und künst­le­ri­schem Per­so­nal ein­schrän­ken kön­nen. Wie weit­rei­chend die­se Ein­schrän­kung tat­säch­lich sein kann, wird allein dadurch ersicht­lich, dass die­se Befris­tung bis zu maxi­mal sechs Jah­ren mög­lich ist. Dies betrifft aber die Zeit­span­ne der aka­de­mi­schen Aus­bil­dung vor einer Pro­mo­ti­on. Nach der Pro­mo­ti­on ist noch ein­mal die­sel­be Zeit­span­ne von sechs Jah­ren mög­lich. All­ge­mein spricht man des­halb von der 12-Jah­res-Regel. Bei Medi­zi­nern ist sogar eine Arbeits­ver­trags­be­fris­tung nach der Pro­mo­ti­on von neu­en Jah­ren mög­lich; hier gilt also eine 15-Jah­res-Regel. Eine Qua­li­fi­ka­ti­ons­stel­le, d.h. eine Stel­le, die hin zu einer Pro­mo­ti­on oder Habi­li­ta­ti­on führt, ist für der­lei Arbeits­ver­trags­be­fris­tun­gen nicht not­wen­dig. Hoch­schul­leh­rer sind von die­sen Befris­tun­gen ausgenommen.

Aber: Im Rah­men der soge­nann­ten Dritt­mit­tel­be­fris­tung sind End­los-Befris­tun­gen für wis­sen­schaft­li­ches und künst­le­ri­sches Per­so­nal mög­lich, d.h. über die 12-Jah­res-Regel bzw. über die 15-Jah­res-Regel hin­aus. Vor­aus­set­zung hier­zu ist, dass der Arbeits­platz über­wie­gend von Drit­ten finan­ziert wird, eine bestimm­te Auf­ga­be und Zeit­dau­er die­ser Beschäf­ti­gung zu Grun­de gelegt wird, kei­ne Dau­er­auf­ga­be des eigent­li­chen Arbeit­ge­bers für die betref­fen­de Tätig­keit vor­liegt und der Arbeit­neh­mer zu eben dem begrenz­ten Zweck der Dritt­mit­tel­ver­ga­be ein­ge­stellt wer­den soll. Von Zukunft für wis­sen­schaft­li­che Nach­wuchs­for­scher, ins­be­son­de­re Post-Dok­to­ren, kann damit kei­ne Rede sein.

Bes­ser geht es den Fran­zo­sen oder Eng­län­dern. Noch bes­ser geht es den Bra­si­lia­nern. 2007 beschloss Bra­si­li­en schon im Rah­men der Demo­kra­ti­sie­rung des öffent­li­chen Hoch­schul­we­sens erheb­li­che Gel­der in den Aus­bau und in die Grün­dung von Uni­ver­si­tä­ten auch abseits der gro­ßen Städ­te flie­ßen zu las­sen. So kön­nen bra­si­lia­ni­sche Post-Docks sicher sein, nach ihren Wan­der­jah­ren in ihrer Hei­mat eine Stel­le als Wis­sen­schaft­ler zu bekom­men. Noch schlech­ter geht es aller­dings den Süd­eu­ro­pä­ern. In Spa­ni­en zum Bei­spiel herrscht an den Uni­ver­si­tä­ten und For­schungs­in­sti­tu­ten ein dra­ma­ti­scher Stel­len­man­gel. Frei wer­den­de Stel­len wer­den nicht mehr besetzt. Die finan­zi­el­le Aus­stat­tung der exis­tie­ren­den Stel­len ist oft kata­stro­phal. Der spa­ni­sche Obers­te Rat für wis­sen­schaft­li­che For­schung (CSIC) stand 2013 vor der Zahlungsunfähigkeit.

Quo vadis, Wissenschaft?

Ide­en­ge­ber die­ses Beitrags:
Anderl, Sibyl­le: Wan­der­jah­re ins Unge­wis­se. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 28.01.2015, S. N 4 (For­schung und Lehre).