Plagiatsaffären kratzen am Image des Doktortitels

Der BASF-Chef will in der betriebsinternen Kommunikation jetzt keine akademische Titelnennung mehr. In manchen Ländern ist dies üblich, in anderen überhaupt nicht.

Wer einen Doktor vor dem Namen hat, verdient nach fünf Jahren im Durchschnitt bis zu einem Drittel mehr also ohne Doktortitel. Und die Türen in die höchsten Führungsetagen von Unternehmen stehen auch in der Regel denjenigen offen, die eine Dissertation hinter sich gebracht haben. Deshalb promovieren jedes Jahr mehr als 25.000 Menschen in Deutschland erfolgreich.

Doch die diversen Plagiatsaffären seit Guttenberg kratzen am Image des Doktortitels.

Nun will der Vorstandsvorsitzende des weltweit größten Chemiekonzerns BASF mit Hauptsitz in Ludwigshafen, Kurt Bock, selbst Doktor (der Betriebswirtschaftslehre), dass in der betriebsinternen Kommunikation seines Unternehmens alle Mitarbeiter auf die Nennung ihrer akademischen Titel verzichten. Er selbst will mit gutem Beispiel vorangehen und nicht mehr mit „Doktor“ angesprochen werden.

Derlei ist in den angloamerikanischen Ländern üblich. Akademische Titel werden nicht genannt, auch nicht im Berufsleben und Berufsalltag. Vielmehr spricht man sich, insbesondere in den USA, vorzugsweise per Vornamen an, auch im Berufsalltag. Auf japanischen Visitenkarten ist kein akademischer Titel vermerkt. In Großbritannien werden nur Ärzte mit Doktor und Nachnamen angesprochen, ebenso in Frankreich, obwohl hier die Träger des Titels oft gar keine Promotionen gemacht haben. Ein Doktortitel in Frankreich kann beim Eintritt ins Berufsleben sogar mehr Probleme bringen als Vorteile: Ein Doktortitels gilt in diesem Land als Ausweis von Spezialistentum, und eine breite Allgemeinbildung genießt hier weit mehr Respekt; Promovierte arbeiten deshalb in Frankreich fast nur in der Forschung. Währenddessen ist die Nichtnennung eines akademischen Grades in Österreich oder Italien unvorstellbar.

Übrigens ist der Doktortitel in Deutschland nicht Teil des Namens, wie verbreitet angenommen wird. Das haben sowohl Bundesgerichtshof als auch Bundesverwaltungsgericht schon vor mehr als 50 Jahren entschieden. Der promovierte hat keinen Anspruch auf die entsprechende Anrede. Anders sieht das im Arbeitsrecht für Arbeitnehmer aus. Das Bundesarbeitsgericht urteilte im Jahr 1984, Arbeitgeber hätten Arbeitnehmer mit einem Doktortitel korrekt anzusprechen und nach außen hin genauso korrekt anzugeben, dies sei begründet in der Achtung des Ansehens und der sozialen Geltung der Beschäftigten.

SPD, Grüne und Linksfraktion und hatten vor zwei Wochen im Bundestag eine Initiative angestoßen, die zwei Buchstaben „Dr.“ aus Personalausweis und Reisepass zu streichen. Dies wollten vor Jahren während der großen Koalition bereits die Union und die Sozialdemokraten gemeinsam. Damals scheiterte dieses Vorhaben am Widerstand der Bundesländer und aktuell an der Bundestagsmehrheit von CDU/CSU und FDP.

Harald Bahner