Plagiat als Prisma eines Kulturkampfes? – Gesamtbeitrag

Die Plagiatsaffäre um die Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan entwickelt sich zu einem Kampf um die Deutungshoheit von „Wissenschaft“ per se. Was geschieht hier tatsächlich? Vielleicht helfen ein paar investigative Fragen weiter.
– Gesamtbeitrag (Teile 1 bis 5) –

1.
„Schavanplag“ heißt die Plattform des so anonymen wie ehemaligen Mitarbeiters der Enthüllungsplattform „Vroniplag“, der unter dem Decknamen „Robert Schmidt“ Ende April 2012 angebliche Plagiatsstellen der Dissertation der Bundesbildungsministerin Frau Dr. Annette Schavan veröffentlichte. Hier ist unter Anderem zu lesen:

a.
„Dokumentation mutmaßlicher Plagiate in der Dissertation von Prof. Dr. Annette Schavan … IV. Auswahl eindeutiger Plagiate … S. 82 (unteres Fragment; Vortäuschen einer Freud-Rezeption) … Typus Verschleierung – Dissertation: Seite: 082, Zeilen: 02-06
‚[Die Bewältigung unbefriedigt bleibender Triebwünsche […] bewirkt also eine Ich-Veränderung durch Aufbau des] Über-Ich, in das die zahllosen Imperative, die während der Kindheit und Jugendzeit an den Heranwachsenden ergehen, aufgenommen werden und es so zu einer immer unpersönlicher werdenden selbständigen Instanz werden lassen, die sich dem Ich gegenüberstellt. [FN 1]
[[FN 1] Freud setzt die Instanz “Über-Ich” entgegen mancher Darstellungen in Sekundärliteratur nicht mit dem Gewissen gleich: […]]‘

Quelle Stadler 1970 – Fundstelle: Seite(n): 057, Zeilen: 03-09
‚Die zahllosen Imperative, die über die ganze Dauer der Kindheit und der Jugend ergehen, verstärken das einmal eingesetzte “sittliche Bewußtsein” und lassen es immer unpersönlicher werden. […] Somit stellt sich das Gewissen in der Form des Über-Ich […] dem Ich gegenüber.‘“


(schavanplag.wordpress.com/#Ungenannt und http://schavanplag.wordpress.com/2012/04/24/seite-82/, Stand jeweils 25.01.2013)

Frage: Wie soll man oben wiedergegebenen Sachverhalt darstellen, ohne die von Sigmund Freud eingeschriebenen Begriffe „Ich“, „Ich-Veränderung“, „Über-Ich“, „Imperative“ oder „unpersönlicher“ im korrekten Zusammenhang wiederzugeben?

b.
„S. 100 (Vortäuschen einer C. G. Jung-Rezeption) … Typus Verschleierung – Dissertation: Seite: 100, Zeilen: 15-18
‚Bereits in seinem ersten großen Werk “Wandlung und Symbole der Libido” setzt sich C. G. Jung 1912 vor allem durch sein Verständnis der Libido als psychischer Energie schlechthin deutlich von seinem Lehrer Freud ab.‘

Quelle Nowak 1978 – Fundstelle: Seite(n): 037, Zeilen: 12-15
‚Noch weiter als A. Adler entfernte sich C. G. Jung von S. Freud. Das zeigte sich schon in seinem ersten großen Werk “Wandlung und Symbol der Libido” von 1912, in dem er sich deutlich von Freud absetzte. Jung versteht unter Libido die spezifische psychische Energie schlechthin […].‘“


(schavanplag.wordpress.com/#Ungenannt und http://schavanplag.wordpress.com/2012/07/26/seite-100/, Stand jeweils 25.01.2013)

Frage: siehe erste Frage. Und: In wie vielen anderen Literaturen ist diese in der Welt der Psychologie platte, weil allseits bekannte Allerweltsweisheit so oder ähnlich noch formuliert bzw. muss so formuliert sein, weil es sich hier aus Psychologensicht um eine Sachaussage handelt, die sprachlich kaum anders zu fassen ist?

c.
„S. 322 (Vortäuschen eines selbstständigen Fazits) … Typus Verschleierung – Dissertation: Seite: 322, Zeilen: 10-17
‚Zusammenfassend kann man feststellen, daß in dem Maß, in dem im Jugendalter neben die heteronomen Normen selbstüberprüfte Normen treten, bzw. erstere nach kritischer persönlicher Überprüfung ersetzt oder aber gutgeheißen und als autonome Normen zur Grundlage des Entscheidens und Handelns werden, man von einem autonomen, bzw. personalen Gewissen sprechen kann und damit von einer geglückten Personalisation.‘

Quelle Hupperschwiller 1970 – Fundstelle: Seite(n): 064, Zeilen: 09-13
‚In dem Maß, in dem neben die heteronomen Normen selbstüberprüfte Normen treten, erstere ersetzt bzw. […] nach kritischer persönlicher Überprüfung gutgeheißen und damit nun als autonome Normen beibehalten werden, sprechen wir von einem autonomen Gewissen, einer geglückten Personalisation.‘“

(schavanplag.wordpress.com/#Ungenannt und http://schavanplag.wordpress.com/2012/04/28/seite-322/, Stand jeweils 25.01.2013)

(Preis)Frage: Wie beschreibt man die Zusammenhänge einer „geglückten Personalisation“ prägnant wesentlich anders?

Personalisation – Personalisation (Individuation) ist in der Soziologie und Psychologie der Prozess der Entwicklung der individuellen Persönlichkeit. …
(de.wikipedia.org/wiki/Personalisation, Stand 25.01.2013)

(Zusatz)Frage: Wer maßt sich eine solche „Typisierung“ überhaupt, und dann eine in dieser Weise wertende an?

2.
Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes Herr Prof. Dr. Bernhard Kempen bewegte bereits vor einigen Monaten die Gemüter in dieser oder jener Weise, als er eine gesetzliche Strafbewehrung sowohl wissenschaftlicher Ghostwriter-Angebote als auch wissenschaftlicher Ghostwriter-Nachfrage vorschlug. Der Verfasser dieses hier vorliegenden Artikels schrieb darüber Anfang August 2012 unter ghostwriter.nu/news/neuer-straftatbestand-akademisches-ghostwriting/ . Im Fall Schavan hebt Herr Prof. Dr. Kempen jetzt die in praktisch allen Medien sogenannten „Regeln“ oder auch „Richtlinien“ „guter wissenschaftlicher Praxis“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hervor. Bloß: Die sind bei der DFG eine „Denkschrift“ mit dem Titel „Empfehlungen der Kommission ‚Selbstkontrolle in der Wissenschaft‘ – Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ (1998) (dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/download/empfehlung_wiss_praxis_0198.pdf, Stand 25.01.2013, Unterstreichungen vom Verfasser dieses hier vorliegenden Beitrags)
Und wer ist Herr Prof. Dr. Bernhard Kempen? „Deutscher Jurist und Professor für Staatsrecht, Völkerrecht und Internationales Wirtschaftsrecht.“ (de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Kempen_%28Jurist%29, Stand 25.01.2013)

Frage: Wie fasst man diese letzte Sachaussage über Prof. Dr. Kempen besser prägnant zusammen? Oder: Muss diese eben genannte Wikipedia-Quelle in einer Dissertation tatsächlich angebracht werden?

3.
a.
Herr Prof. Dr. Stefan Rohrbacher, der Frau Dr. Schavan eine „leitende Täuschungsabsicht“ vorwarf und dessen Gutachten auf bisher ungeklärten Wegen an die Öffentlichkeit kam, ist Judaist. Ein Judaist beschäftigt sich mit Geschichte, Sprachwissenschaften, Theologie, Literatur, vielleicht Archäologie. Und dementsprechend studierte Prof. Dr. Rohrbacher neben Judaistik auch noch „Orientalistik, … Bibliothekswissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte“ (de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Rohrbacher, Stand 25.01.2013).
b.
Prof. Dr. Bruno Bleckmann, Dekan der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, die vor wenigen Tagen das Hauptverfahren zur Aberkennung des Doktorgrades gegen Frau Dr. Schavan eröffnete, ist laut Medienberichterstattungen „Althistoriker“. Genauer studierte Herr Prof. Dr. Bleckmann „Geschichte, Latein und Romanische Philologie … [und] wurde … in Köln in Alter Geschichte mit einem Thema zur Reichskrise des 3. Jahrhunderts promoviert.“ (de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Bleckmann, Stand 25.01.2013).
c.
Vor allem in der Psychologie gilt bis heute die „Zitationsregel“ „Autor, Jahr“. Wer also genau wissen will, wo welches Zitat im Original steht oder auch nur ein indirektes Zitat, d. h. eine sinngemäße Wiedergabe von Gedanken eines Anderen, der muss im Fachbereich Psychologie seit jeher notfalls ein 550-seitiges Werk durchsuchen nach einem einzigen Satz. Der Verfasser dieses hier vorliegenden Beitrags hat diese „Zitierkultur“

in der Psychologie immer kritisiert. Denn so sei die Kritik der „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“ – siehe im Folgenden – am bisherigen Vorgehen in Sachen Frau Dr. Schavans Dissertation nach den Worten von Prof. Dr. Kempen „an den Haaren herbeigezogener Unsinn“ (Kempen 2013). Dieses Zitat stand in vielen Zeitungen. Der Verfasser dieses hier vorliegenden Beitrags möchte jetzt indes belegt bekommen, woher genau er dieses Zitat tatsächlich hat, den ganz genauen Fundort.

d.
Erziehungswissenschaften – der Fachbereich der Dissertation von Frau Dr. Schavan – hat viel mit Psychologie zu tun, auch mit Soziologie, mit Pädagogik sowieso, auch mit Sozialpädagogik und Sozialarbeit.

Frage: Will man diese bis heute übliche „Zitierkultur“ im Fachbereich Psychologie heute 35-jährigen Psychologie-Dissertationen ankreiden?

Weitere Frage: Was haben Juristen und Geisteswissenschaftler – ein Judaist/Orientalist/Bibliothekswissenschaftler/Historiker/Kunsthistoriker und ein Historiker/Althistoriker/Latinist/Romanist – bei der fachlichen Bewertung einer Dissertation, zu der sehr wohl auch die Form wissenschaftlichen Arbeitens genau des betreffenden Fachbereichs gehört und zusätzlich sehr wohl auch die gültige Form der Entstehungszeit, in Erziehungswissenschaften zu suchen?

4.
Seit ein paar Wochen hauen sich sämtliche Protagonisten um die Dissertation von Frau Dr. Schavan ein (Rechts)Gutachten nach dem anderen um die Ohren. Mitten hier hinein platzte die sogenannte „Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen“, die sich selbst teilweise auch nur „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“ nennt. Dem Verfasser dieses hier vorliegenden Beitrags ist kein öffentliches Medium bekannt, das alle Wissenschaftsorganisationen dieser Allianz einmal aufführt, und so sollen die betreffenden Mitglieder dieser Allianz an dieser Stelle einmal vollständig aufgeführt werden, denn das ist im Folgenden von Relevanz. Der „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“ gehören an:
• die Alexander von Humboldt-Stiftung,
• die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina
• der Deutsche Akademische Austauschdienst,
• die Deutsche Forschungsgemeinschaft,
• die Fraunhofer-Gesellschaft,
• die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren sowie
• die Hochschulrektorenkonferenz,
• die Leibniz-Gemeinschaft,
• die Max-Planck-Gesellschaft und
• der Wissenschaftsrat.

Diese Allianz mahnte in einer gemeinsamen Erklärung am 18.01.2013 „alle Verfahrensverantwortlichen“,

dass verfahrensrechtliche Korrektheit unverzichtbarer Verfahrensbestandteil sein muss. Gleichwohl ist sie nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung, um die Entscheidung über die Aberkennung eines Doktorgrades zu begründen. Letzteres setzt vielmehr auch in der Wissenschaft übliche Verfahrenselemente wie das Mehraugen-Prinzip, die Trennung von Begutachten, Bewerten und Entscheiden sowie eine angemessene Berücksichtigung des Entstehungskontextes voraus, dessen inhaltliche Bewertung nur auf der Basis einschlägiger fachwissenschaftlicher Expertise vorgenommen werden kann.
(hrk.de/allianz/erklaerungen/gemeinsame-erklaerung-vom-1812013/, Stand 25.01.2013)

Der “Spiegel” versuchte daraufhin, diesen Passus wie folgt zu erklären:

• „Mehraugen-Prinzip: Für die Uni Düsseldorf hat nach derzeitigem Kenntnisstand lediglich ein Gutachter die Dissertation „Person und Gewissen“ von Schavan intensiv durchgearbeitet und die Vorwürfe überprüft. Er erkannte eine ‚leitende Täuschungsabsicht‘.
„Trennung von Begutachten, Bewerten und Entscheiden: Der Gutachter heißt Stefan Rohrbacher, er sitzt zudem im Promotionsausschuss und im Fakultätsrat, also jenen Gremien, die den Fall bewerten und darüber entscheiden, ob Schavan ihren Titel schließlich verliert.
Einschlägige fachwissenschaftliche Expertise: Rohrbacher ist Professor für Jüdische Studien, Schavans Doktorarbeit ist zwischen Erziehungswissenschaft und Theologie angesiedelt.

(spiegel.de/unispiegel/studium/plagiatsaffaere-wissenschaftsorganisationen-verteidigen-schavan-a-878429.html, Stand 25.01.2013)

Das ist jedoch nur die Hälfte der Aussagen o.g. Allianz – abgesehen davon, dass der „Spiegel“ in zitiertem Artikel diese gemeinsame Erklärung der „Allianz“ in

wahrscheinlich nur Medienpointen produzierenden Journalisten nachvollziehbarer Weise letztlich als Angriff auf die Universität Düsseldorf pointierte. Die andere, vom „Spiegel“ fallen gelassene Hälfte dieser gemeinsamen Erklärung dieser „Allianz“ ist das (Verfahrens)Recht, sprich: Technokratie. Erst zusammen genommen – Verfahren, Recht, Bürokratie sowie Technokratie auf der einen und die inhaltliche und auch formale Fachspezifik unter Berücksichtigung des Entstehungszeitpunktes auf der anderen Seite – bringt diese Gesamtaussage der „Allianz“ den Sprengstoff ans Tageslicht, der unter der Causa Schavan heute tatsächlich liegt: den (Ideologie)Kampf darum, was „die“ Wissenschaft sei.

Das konnte den Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule und Forschung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Herrn Andres Keller, nicht bekümmern. Vier Tage später, am 22.01.2013, sprach er mit altruistischem Impetus (?) in ein Mikrofon des Radiosenders „Deutschlandfunk“ seine Sorge über die künftige materielle Existenz aller akademischen Angestellten der „Allianz der Wissenschaftsorganisationen“:

(F)alls die Universität zum Ergebnis komme, es liege kein Plagiat vor, werde man hinterher sagen, dass die Ministerin dies der Allianz zu verdanken habe. Im Gegenzug würden in Zukunft alle finanziellen Zuwendungen vom Bund an die Allianz hinterfragt werden.
(dradio.de/kulturnachrichten/201301220900/1, Stand 25.01.2013)

Also entweder eine Bundesbildungsministerin oder hunderte oder gar tausende akademische Mitarbeiter der „Allianz“. Und was macht die “Deutschlandfunk”-Redakteurin Christiane Kaess am gleichen Tag, den 22.01.2013, wenige Minuten später aus dieser „Sorge“ des genannten Gewerkschafters um die Angestellten der „Allianz“? Ein „Fechten“ dieser „Allianz“ für ihre Geldgeberin, der Bundesbildungsministerin Dr. Schavan:

Kaess: Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen – das haben wir auch gerade im Beitrag gehört – wird finanziell unterstützt vom Wissenschaftsministerium. Macht das diese Einrichtungen parteiisch?
Dannemann: Ich fürchte ja! …

(Interview Kaess mit Dannemann, dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1985847/, Stand 25.01.2013)

Und wer ist Herr Dannemann? „Jurist Gerhard Dannemann“ (ebd.).

Diese so wunderbare wie absurde „Deutungs-Wendung“ steht einen Tag später dann aber auch in jeder Zeitung, das heißt, sie gilt in der Öffentlichkeit. Vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht, denn diese „Deutung“ zeigt die ideologischen Fronten und deren Werkzeuge in dieser ganzen „Causa“ reichlich direkt auf: Jeder normal denkende Mensch weiß, dass es die Mitglieder dieser „Allianz“ schon lange vor Frau Dr. Schavan gegeben hat, dass es sie noch lange nach Frau Dr. Schavan geben wird – und dass die Person Frau Dr. Schavan reichlich irrelevant für die Geldzuwendungen des Staates an die Mitglieder dieser „Allianz“ ist; in diesem Fall sind institutionelle Gefüge maßgeblich, nicht Personen und nicht einmal Bundesbildungsminister/-innen. Oder sollte das doch ein „Maulkorb“ für diese „Allianz“ werden, der Frau Kaess kurz vor Beginn des besagten Interviews mit Herrn Dannemann eingeflüstert worden ist? Vielleicht gar ein doppelter Maulkorb: Diese „Allianz“ als kurzsichtige und rücksichtslose Zerstörerin von vielen akademischen Angestelltenleben und gleichzeitig in rein parteiischer und egoistischer Haltung als Verteidigerin ihrer Geldgeberin? Derlei Taktiken womöglich Dritter nennt man perfide, und diese Perfidie zeigt auf, um was es diesen Dritten tatsächlich geht und zu was diese Dritten tatsächlich bereit sind.

Weitere Frage: Keine.

5.
Groß ist die Sache mit der Bundesbildungsministerin Frau Dr. Schavan geworden. „Spitzenreiter“ der diesbezüglichen Berichterstattung ist nach Kenntnis des Verfassers dieses hier vorliegenden Beitrags der „Spiegel“ mit 49 Artikel i.S. Dissertation von Frau Dr. Schavan in fast genau neun Monaten, das macht durchschnittlich 1,25 Artikel pro Woche dieser Wochenzeitschrift. Die Spitze der „Spiegel“-Berichterstattung dürfte der 15.10.2012 gewesen sein: Sieben Artikel an einem Tag, von 12:25 Uhr bis 18:25 Uhr im Zweistundentakt. Die „Spiegel“-Chronologie dieser Berichterstattungen kann sich jeder Interessierte unter spiegel.de/thema/annette_schavan/
(Stand 25.01.2013) ansehen. Da bleiben kleinere Dinge gerne einmal unberücksichtigt.

Ein solches „kleineres Ding“ ist das angebliche Plagiat des SPD-Politikers Marc Jan Eumann, seines Zeichens Staatssekretär für Medienfragen in Nordrhein-Westfalen. Die TU Dortmund prüft derzeit, ob die Dissertation des Herrn Eumann aus dem Jahr 2011 ein Plagiat sei.

Nach dem Urteil eines Dortmunder Medienwissenschaftlers habe Eumann seine eigene Magisterarbeit aus dem Jahr 1991 quasi recycelt, also sich selbst plagiiert. Dabei habe er gegen Promotionsvorschriften verstoßen.
(wz-newsline.de/home/politik/nrw/nrw-staatssekretaer-soll-plagiat-verfasst-haben-1.1201744 vom 09.01.2013, Stand 25.01.2013)

Als “Selbstplagiat” hat diesen Sachverhalt nach Kenntnis des Verfassers dieses hier vorliegenden Beitrages erstmals ein gemeinsames Positionspapier der Allgemeine Fakultätentag (AFT), der Fakultätentage und des Deutschen Hochschulverbandes (DHV) (dessen Präsident Herr Jurist Prof. Dr. Bernhard Kempen ist) Anfang Juli 2012 bezeichnet; der Verfasser dieses hier vorliegenden Beitrags schrieb darüber am 10.07.2012 unter ghostwriter.nu/news/plagiat/ mit dem Schluss:

Derlei Entwicklungen können von allen Menschen, die sich in den (assoziativen) Wissenschaften zu Hause fühlen, in keiner Weise hingenommen werden.

Das war soeben kein „Selbstplagiat“, da mit der Quelle belegt. „Autoplagiat“ nennen es die Österreicher (z.B. die sechstgrößte österreichische Tageszeitung „Die Presse“ unter diepresse.com/home/science/1335747/Auch-die-Herren-Professoren-sind-vor-Betrug-nicht-gefeit?_vl_backlink=/home/science/index.do, Stand 25.01.2013) und weisen es gleich in zwei von drei Fällen nur Männern zu (vgl. ebd.), was so irgendwie nicht stimmen kann, wenn der Verfasser dieses hier vorliegenden Beitrags nur die Politikerinnen und und Politiker seit Guttenberg zusammenzählt, die ihren Doktorhut verloren haben.

Alle Koryphäen der assoziativen Wissenschaften – hier insbesondere Philosophie oder Soziologie – sind also Plagiateure??? Immanuel Kant, dessen Gesamtwerk bald ein ganzes Bücherregal einnimmt, und der tausende von Male auf seine eigenen Gedanken zurück griff, darauf aufbaute, sie wiederholte, ohne die erstmalige Erwähnung eines eigenen bestimmten Gedankens in einer Fußnote mit Quellangabe und Seitenzahl zu „belegen“? Der Soziologe Max Weber? Karl Marx? …
(Bahner, Harald: „‘Selbstplagiat‘ ist auch Plagiat?“ In: Ghostwriter.nu, ghostwriter.nu/news/plagiat/ vom 10.07.2012, letzter Aufruf am 25.01.2013; das war ein „Selbstzitat“)

Seltsam ist auch, dass dieser Begriff des „Selbstplagiats“, das der Verfasser dieses hier vorliegenden Beitrags schon jetzt als Unwort des Jahres 2013 vorschlagen möchte, in bereits genannter „Denkschrift“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/download/empfehlung_wiss_praxis_0198.pdf) aus dem Jahr 1998 mit keinem Wort Erwähnung findet, auch das „Autoplagiat“ oder das „Eigenplagiat“ sucht man in dieser „Denkschrift“ vergebens. Und auch der Wikipedia-Artikel „Plagiat“, hier der gut einen mittelgroßen Bildschirm in nomaler Schrift ausfüllende Abschnitt „Eigen- und Selbstplagiat“, führt ganz am Anfang dieses Abschnitts kurz hintereinander zwei Quellen auf, die (schein)belegen sollen, dass das „Selbstplagiat“ kaum justiziabel sei, dafür aber das Vertrauen in die Qualität wissenschaftlichen Arbeitens untergrabe (??) – und dann kommt dieser Wikipedia-Abschnitt gänzlich ohne weitere Quellen aus und erschöpft sich vielmehr in epischen Ausführungen interessanter Weise über die „DFG-Richtlinien für gute wissenschaftliche Praxis“, in der der zentrale Gegenstand dieses Abschnitts mit keinem Begriff oder Alternativbegriff auch nur ein einziges Mal erwähnt wird, auch nicht sinngemäß, versus „der pragmatischen Position“, und man fragt sich doch unwillkürlich, wer diesen Artikel der freien Enzyklopädie „Wikipedia“, bei der jeder mitschreiben darf, der glaubt etwas Kluges zu sagen zu haben, denn tatsächlich geschrieben hat.

Weitere Frage: Keine.

6.
Mit 14:0 bei einer Enthaltung entschied sich der zuständige Rat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf für die Einleitung eines Verfahrens zum Entzug der Doktorwürde Frau Dr. Schavans. Diese Eindeutigkeit ist zunächst erschreckend. Die Frage ist nur in welche Richtung. Dieses Ergebnis weckt auch Erinnerungen an die regelmäßigen Abstimmungsergebnisse der Politbüros der kommunistischen Parteien der ehemaligen Sowjetunion und aller ehemaligen Ostblockstaaten.

Frage – auch vor dem Hintergrund des „kleinen“ SPD-Staatssekretärs für Medienfragen in Nordrhein-Westfalen – siehe Teil 4 von 5 : Wie viele CDU-ler und FDP-ler saßen in o.g. zuständigen Rat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf?

7.
Zusammen gefasst geht es ganz offensichtlich nicht mehr um Frau Dr. Schavan als Politikerin, als CDU-Politikerin, als Person oder um ihre Dissertation. Es geht auch ganz offensichtlich nicht mehr um Politik und Menschen allgemein, den Schaden am Ende, den alle davongetragen haben werden, wie Jürgen Kaube in der FAZ vom 24.01.2013 meinte, „menschlichen und instituionellen“ (faz.net/aktuell/feuilleton/der-fall-schavan-frau-jedermanns-plagiat-12036233.html, Stand 25.01.2013). Es geht um Meta-Politisches, um Geistesgeschichtliches, um Philosophisches: Es geht um die Deutungshoheit darüber, was „die“ Wissenschaft sei. Diese Deutungshoheit gab es immer: Die Theologie wurde als weltbestimmend, zumindest in der westlichen Welt, von der Philosophie abgelöst, die Philosophie von den Naturwissenschaften, die Naturwissenschaften von den Technikern (und Technokraten), die Techniker von den Wirtschafts- und Finanzwissenschaftlern. Und wer sind jetzt Diejenigen, die Sachverhaltswiedergaben in eigenen Worten in ein Denken tötendes Korsett von Quellenangaben zwängen wollen und mit dem (neuen) Konstrukt des „Selbstplagiats“ letztlich jede Form auf einander bauender eigener Gedanken verunmöglichen – dies alles in der Tat im angeblichen Namen „der Wissenschaft“?

Und: Hat’s Spaß gemacht, diesen Gesamttext mit diesen vielen Quellen hier zu lesen? Es handelt sich bei diesem Text übrigens um ein fast dreitausendfaches Plagiat. Dieser Gesamttext besteht nämlich aus ca. 2.750 Wörtern. Die sind alle viele Male schon einmal von vielen Anderen gesagt oder geschrieben worden. Diese ca. 2.750 Wörter sind nicht einzeln mit Quellen belegt worden.

Der Gesamtbeitrag in seinen vorab publizierten Einzel-Teilen 1 bis 5 finden Sie unter:

Teil 1 von 5
Teil 2 von 5
Teil 3 von 5
Teil 4 von 5
Teil 5 von 5

Harald Bahner
Master of Business Consulting (FIBAA-akkreditiert)
Magister Artium Germanistik, Geschichte, Philosophie
Wissenschaftlicher Ghostwriter seit über 20 Jahren
Akademische Fachbereichs-„Steckenpferde“: Soziologie, Psychologie

Anmerkung:
Ob die Dissertation der Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan zu viel Plagiat enthält, entscheiden Diejenigen, die sich mit dem Text detailliert auseinander setzen. Dies hat der Autor dieses hier vorliegenden Beitrags nur teilweise getan. Die Aussagen dieses hier vorliegenden Beitrages können damit nicht als Positionierung für oder gegen den Plagiatsvorwurf der Dissertation von Frau Dr. Schavan angesehen werden – und sollen dies ausdrücklich auch nicht. Es geht am Beispiel dieses Dissertations-Falls um offensichtlich gänzlich Anderes – siehe hier vorliegend.