Plagiat als Prisma eines Kulturkampfes? (3)

Die Pla­gi­ats­af­fä­re um die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin Dr. Annet­te Scha­van ent­wi­ckelt sich zu einem Kampf um die Deu­tungs­ho­heit von „Wis­sen­schaft“ per se. Was geschieht hier tat­säch­lich? Viel­leicht hel­fen ein paar inves­ti­ga­ti­ve Fra­gen weiter.
– Teil 3 von 5 -

4.
Seit ein paar Wochen hau­en sich sämt­li­che Prot­ago­nis­ten um die Dis­ser­ta­ti­on von Frau Dr. Scha­van ein (Rechts)Gutachten nach dem ande­ren um die Ohren. Mit­ten hier hin­ein platz­te die soge­nann­te „Alli­anz der deut­schen Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen“, die sich selbst teil­wei­se auch nur „Alli­anz der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen“ nennt. Dem Ver­fas­ser die­ses hier vor­lie­gen­den Bei­trags ist kein öffent­li­ches Medi­um bekannt, das alle Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen die­ser Alli­anz ein­mal auf­führt, und so sol­len die betref­fen­den Mit­glie­der die­ser Alli­anz an die­ser Stel­le ein­mal voll­stän­dig auf­ge­führt wer­den, denn das ist im Fol­gen­den von Rele­vanz. Der „Alli­anz der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen“ gehö­ren an:
• die Alex­an­der von Humboldt-Stiftung,
• die Deut­sche Aka­de­mie der Natur­for­scher Leopoldina
• der Deut­sche Aka­de­mi­sche Austauschdienst,
• die Deut­sche Forschungsgemeinschaft,
• die Fraunhofer-Gesellschaft,
• die Helm­holtz-Gemein­schaft Deut­scher For­schungs­zen­tren sowie
• die Hochschulrektorenkonferenz,
• die Leibniz-Gemeinschaft,
• die Max-Planck-Gesell­schaft und
• der Wissenschaftsrat.

Die­se Alli­anz mahn­te in einer gemein­sa­men Erklä­rung am 18.01.2013 „alle Ver­fah­rens­ver­ant­wort­li­chen“,

dass ver­fah­rens­recht­li­che Kor­rekt­heit unver­zicht­ba­rer Ver­fah­rens­be­stand­teil sein muss. Gleich­wohl ist sie nur eine not­wen­di­ge, aber kei­ne hin­rei­chen­de Bedin­gung, um die Ent­schei­dung über die Aberken­nung eines Dok­tor­gra­des zu begrün­den. Letz­te­res setzt viel­mehr auch in der Wis­sen­schaft übli­che Ver­fah­rens­ele­men­te wie das Mehrau­gen-Prin­zip, die Tren­nung von Begut­ach­ten, Bewer­ten und Ent­schei­den sowie eine ange­mes­se­ne Berück­sich­ti­gung des Ent­ste­hungs­kon­tex­tes vor­aus, des­sen inhalt­li­che Bewer­tung nur auf der Basis ein­schlä­gi­ger fach­wis­sen­schaft­li­cher Exper­ti­se vor­ge­nom­men wer­den kann.
(hrk.de/allianz/erklaerungen/gemeinsame-erklaerung-vom-1812013/, Stand 25.01.2013)

Der “Spie­gel” ver­such­te dar­auf­hin, die­sen Pas­sus wie folgt zu erklären:

• „Mehrau­gen-Prin­zip: Für die Uni Düs­sel­dorf hat nach der­zei­ti­gem Kennt­nis­stand ledig­lich ein Gut­ach­ter die Dis­ser­ta­ti­on „Per­son und Gewis­sen“ von Scha­van inten­siv durch­ge­ar­bei­tet und die Vor­wür­fe über­prüft. Er erkann­te eine ‚lei­ten­de Täuschungsabsicht‘.
Tren­nung von Begut­ach­ten, Bewer­ten und Ent­schei­den: Der Gut­ach­ter heißt Ste­fan Rohr­ba­cher, er sitzt zudem im Pro­mo­ti­ons­aus­schuss und im Fakul­täts­rat, also jenen Gre­mi­en, die den Fall bewer­ten und dar­über ent­schei­den, ob Scha­van ihren Titel schließ­lich verliert.
Ein­schlä­gi­ge fach­wis­sen­schaft­li­che Exper­ti­se: Rohr­ba­cher ist Pro­fes­sor für Jüdi­sche Stu­di­en, Scha­vans Dok­tor­ar­beit ist zwi­schen Erzie­hungs­wis­sen­schaft und Theo­lo­gie ange­sie­delt.

(spiegel.de/unispiegel/studium/plagiatsaffaere-wissenschaftsorganisationen-verteidigen-schavan-a-878429.html, Stand 25.01.2013)

Das ist jedoch nur die Hälf­te der Aus­sa­gen o.g. Alli­anz – abge­se­hen davon, dass der „Spie­gel“ in zitier­tem Arti­kel die­se gemein­sa­me Erklä­rung der „Alli­anz“ in wahr­schein­lich nur Medi­en­poin­ten pro­du­zie­ren­den Jour­na­lis­ten nach­voll­zieh­ba­rer Wei­se letzt­lich als Angriff auf die Uni­ver­si­tät Düs­sel­dorf poin­tier­te. Die ande­re, vom „Spie­gel“ fal­len gelas­se­ne Hälf­te die­ser gemein­sa­men Erklä­rung die­ser „Alli­anz“ ist das (Verfahrens)Recht, sprich: Tech­no­kra­tie. Erst zusam­men genom­men – Ver­fah­ren, Recht, Büro­kra­tie sowie Tech­no­kra­tie auf der einen und die inhalt­li­che und auch for­ma­le Fach­spe­zi­fik unter Berück­sich­ti­gung des Ent­ste­hungs­zeit­punk­tes auf der ande­ren Sei­te – bringt die­se Gesamt­aus­sa­ge der „Alli­anz“ den Spreng­stoff ans Tages­licht, der unter der Cau­sa Scha­van heu­te tat­säch­lich liegt: den (Ideologie)Kampf dar­um, was „die“ Wis­sen­schaft sei.

Das konn­te den Lei­ter des Vor­stands­be­reichs Hoch­schu­le und For­schung der Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft (GEW), Herrn And­res Kel­ler, nicht beküm­mern. Vier Tage spä­ter, am 22.01.2013, sprach er mit altru­is­ti­schem Impe­tus (?) in ein Mikro­fon des Radio­sen­ders „Deutsch­land­funk“ sei­ne Sor­ge über die künf­ti­ge mate­ri­el­le Exis­tenz aller aka­de­mi­schen Ange­stell­ten der „Alli­anz der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen“:

(F)alls die Uni­ver­si­tät zum Ergeb­nis kom­me, es lie­ge kein Pla­gi­at vor, wer­de man hin­ter­her sagen, dass die Minis­te­rin dies der Alli­anz zu ver­dan­ken habe. Im Gegen­zug wür­den in Zukunft alle finan­zi­el­len Zuwen­dun­gen vom Bund an die Alli­anz hin­ter­fragt wer­den.
(dradio.de/kulturnachrichten/201301220900/1, Stand 25.01.2013)

Also ent­we­der eine Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin oder hun­der­te oder gar tau­sen­de aka­de­mi­sche Mit­ar­bei­ter der „Alli­anz“. Und was macht die “Deutsch­land­funk”-Redak­teu­rin Chris­tia­ne Kaess am glei­chen Tag, den 22.01.2013, weni­ge Minu­ten spä­ter aus die­ser „Sor­ge“ des genann­ten Gewerk­schaf­ters um die Ange­stell­ten der „Alli­anz“? Ein „Fech­ten“ die­ser „Alli­anz“ für ihre Geld­ge­be­rin, der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin Dr. Schavan:

Kaess: Die Alli­anz der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen – das haben wir auch gera­de im Bei­trag gehört – wird finan­zi­ell unter­stützt vom Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um. Macht das die­se Ein­rich­tun­gen parteiisch?
Dan­ne­mann: Ich fürch­te ja! …

(Inter­view Kaess mit Dan­ne­mann, dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1985847/, Stand 25.01.2013)

Und wer ist Herr Dan­ne­mann? „Jurist Ger­hard Dan­ne­mann“ (ebd.).

Die­se so wun­der­ba­re wie absur­de „Deu­tungs-Wen­dung“ steht einen Tag spä­ter dann aber auch in jeder Zei­tung, das heißt, sie gilt in der Öffent­lich­keit. Viel­leicht ist das auch gar nicht so schlecht, denn die­se „Deu­tung“ zeigt die ideo­lo­gi­schen Fron­ten und deren Werk­zeu­ge in die­ser gan­zen „Cau­sa“ reich­lich direkt auf: Jeder nor­mal den­ken­de Mensch weiß, dass es die Mit­glie­der die­ser „Alli­anz“ schon lan­ge vor Frau Dr. Scha­van gege­ben hat, dass es sie noch lan­ge nach Frau Dr. Scha­van geben wird – und dass die Per­son Frau Dr. Scha­van reich­lich irrele­vant für die Geld­zu­wen­dun­gen des Staa­tes an die Mit­glie­der die­ser „Alli­anz“ ist; in die­sem Fall sind insti­tu­tio­nel­le Gefü­ge maß­geb­lich, nicht Per­so­nen und nicht ein­mal Bun­des­bil­dungs­mi­nis­ter/-innen. Oder soll­te das doch ein „Maul­korb“ für die­se „Alli­anz“ wer­den, der Frau Kaess kurz vor Beginn des besag­ten Inter­views mit Herrn Dan­ne­mann ein­ge­flüs­tert wor­den ist? Viel­leicht gar ein dop­pel­ter Maul­korb: Die­se „Alli­anz“ als kurz­sich­ti­ge und rück­sichts­lo­se Zer­stö­re­rin von vie­len aka­de­mi­schen Ange­stell­ten­le­ben und gleich­zei­tig in rein par­tei­ischer und ego­is­ti­scher Hal­tung als Ver­tei­di­ge­rin ihrer Geld­ge­be­rin? Der­lei Tak­ti­ken womög­lich Drit­ter nennt man per­fi­de, und die­se Per­fi­die zeigt auf, um was es die­sen Drit­ten tat­säch­lich geht und zu was die­se Drit­ten tat­säch­lich bereit sind.

Wei­te­re Fra­ge: Kei­ne.

Teil 4 von 5

Teil 1 von 5
Teil 2 von 5

zum Gesamt­bei­trag (Tei­le 1 bis 5)

Harald Bahner
Mas­ter of Busi­ness Con­sul­ting (FIBAA-akkre­di­tiert)
Magis­ter Arti­um Ger­ma­nis­tik, Geschich­te, Phi­lo­so­phie
Wis­sen­schaft­li­cher Ghost­wri­ter seit über 20 Jahren
Aka­de­mi­sche Fachbereichs-„Steckenpferde“: Sozio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie

Anmer­kung:
Ob die Dis­ser­ta­ti­on der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin Dr. Annet­te Scha­van zu viel Pla­gi­at ent­hält, ent­schei­den Die­je­ni­gen, die sich mit dem Text detail­liert aus­ein­an­der set­zen. Dies hat der Autor die­ses hier vor­lie­gen­den Bei­trags nur teil­wei­se getan. Die Aus­sa­gen die­ses hier vor­lie­gen­den Bei­tra­ges kön­nen damit nicht als Posi­tio­nie­rung für oder gegen den Pla­gi­ats­vor­wurf der Dis­ser­ta­ti­on von Frau Dr. Scha­van ange­se­hen wer­den – und sol­len dies aus­drück­lich auch nicht. Es geht um Ande­res – sie­he den Gesamt­zu­sam­men­hang im Gesamt­text Tei­le 1 bis 5.