Plagiat als Prisma eines Kulturkampfes? (2)

Die Pla­gi­ats­af­fä­re um die Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin Dr. Annet­te Scha­van ent­wi­ckelt sich zu einem Kampf um die Deu­tungs­ho­heit von „Wis­sen­schaft“ per se. Was geschieht hier tat­säch­lich? Viel­leicht hel­fen ein paar inves­ti­ga­ti­ve Fra­gen weiter.
– Teil 2 von 5 -

2.
Der Prä­si­dent des Deut­schen Hoch­schul­ver­ban­des Herr Prof. Dr. Bern­hard Kem­pen beweg­te bereits vor eini­gen Mona­ten die Gemü­ter in die­ser oder jener Wei­se, als er eine gesetz­li­che Straf­be­weh­rung sowohl wis­sen­schaft­li­cher Ghost­wri­ter-Ange­bo­te als auch wis­sen­schaft­li­cher Ghost­wri­ter-Nach­fra­ge vor­schlug. Der Ver­fas­ser die­ses hier vor­lie­gen­den Arti­kels schrieb dar­über Anfang August 2012 unter ghostwriter.nu/news/neuer-straftatbestand-akademisches-ghostwriting/ . Im Fall Scha­van hebt Herr Prof. Dr. Kem­pen jetzt die in prak­tisch allen Medi­en soge­nann­ten „Regeln“ oder auch „Richt­li­ni­en“ „guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis“ der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) her­vor. Bloß: Die sind bei der DFG eine „Denk­schrift“ mit dem Titel „Emp­feh­lun­gen der Kom­mis­si­on ‚Selbst­kon­trol­le in der Wis­sen­schaft‘ – Vor­schlä­ge zur Siche­rung guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis“ (1998) (dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/download/empfehlung_wiss_praxis_0198.pdf, Stand 25.01.2013, Unter­strei­chun­gen vom Ver­fas­ser die­ses hier vor­lie­gen­den Beitrags).

Und wer ist Herr Prof. Dr. Bern­hard Kem­pen? „Deut­scher Jurist und Pro­fes­sor für Staats­recht, Völ­ker­recht und Inter­na­tio­na­les Wirt­schafts­recht.“ (de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Kempen_%28Jurist%29, Stand 25.01.2013)

Fra­ge: Wie fasst man die­se letz­te Sach­aus­sa­ge über Prof. Dr. Kem­pen bes­ser prä­gnant zusam­men? Oder: Muss die­se eben genann­te Wiki­pe­dia-Quel­le in einer Dis­ser­ta­ti­on tat­säch­lich ange­bracht werden?

3.
a.
Herr Prof. Dr. Ste­fan Rohr­ba­cher, der Frau Dr. Scha­van eine „lei­ten­de Täu­schungs­ab­sicht“ vor­warf und des­sen Gut­ach­ten auf bis­her unge­klär­ten Wegen an die Öffent­lich­keit kam, ist Juda­ist. Ein Juda­ist beschäf­tigt sich mit Geschich­te, Sprach­wis­sen­schaf­ten, Theo­lo­gie, Lite­ra­tur, viel­leicht Archäo­lo­gie. Und dem­entspre­chend stu­dier­te Prof. Dr. Rohr­ba­cher neben Juda­is­tik auch noch „Ori­en­ta­lis­tik, … Biblio­theks­wis­sen­schaft, Geschich­te und Kunst­ge­schich­te“ (de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Rohrbacher, Stand 25.01.2013).
b.
Prof. Dr. Bru­no Bleck­mann, Dekan der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der Hein­rich-Hei­ne-Uni­ver­si­tät in Düs­sel­dorf, die vor weni­gen Tagen das Haupt­ver­fah­ren zur Aberken­nung des Dok­tor­gra­des gegen Frau Dr. Scha­van eröff­ne­te, ist laut Medi­en­be­richt­erstat­tun­gen „Alt­his­to­ri­ker“. Genau­er stu­dier­te Herr Prof. Dr. Bleck­mann „Geschich­te, Latein und Roma­ni­sche Phi­lo­lo­gie … [und] wur­de … in Köln in Alter Geschich­te mit einem The­ma zur Reichs­kri­se des 3. Jahr­hun­derts pro­mo­viert.“ (de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Bleckmann, Stand 25.01.2013).
c.
Vor allem in der Psy­cho­lo­gie gilt bis heu­te die „Zita­ti­ons­re­gel“ „Autor, Jahr“. Wer also genau wis­sen will, wo wel­ches Zitat im Ori­gi­nal steht oder auch nur ein indi­rek­tes Zitat, d. h. eine sinn­ge­mä­ße Wie­der­ga­be von Gedan­ken eines Ande­ren, der muss im Fach­be­reich Psy­cho­lo­gie seit jeher not­falls ein 550-sei­ti­ges Werk durch­su­chen nach einem ein­zi­gen Satz. Der Ver­fas­ser die­ses hier vor­lie­gen­den Bei­trags hat die­se „Zitier­kul­tur“

in der Psy­cho­lo­gie immer kri­ti­siert. Denn so sei die Kri­tik der „Alli­anz der Wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­tio­nen“ – sie­he im Fol­gen­den – am bis­he­ri­gen Vor­ge­hen in Sachen Frau Dr. Scha­vans Dis­ser­ta­ti­on nach den Wor­ten von Prof. Dr. Kem­pen „an den Haa­ren her­bei­ge­zo­ge­ner Unsinn“ (Kem­pen 2013). Die­ses Zitat stand in vie­len Zei­tun­gen. Der Ver­fas­ser die­ses hier vor­lie­gen­den Bei­trags möch­te jetzt indes belegt bekom­men, woher genau er die­ses Zitat tat­säch­lich hat, den ganz genau­en Fundort.

d.
Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten – der Fach­be­reich der Dis­ser­ta­ti­on von Frau Dr. Scha­van – hat viel mit Psy­cho­lo­gie zu tun, auch mit Sozio­lo­gie, mit Päd­ago­gik sowie­so, auch mit Sozi­al­päd­ago­gik und Sozialarbeit.

Fra­ge: Will man die­se bis heu­te übli­che „Zitier­kul­tur“ im Fach­be­reich Psy­cho­lo­gie heu­te 35-jäh­ri­gen Psy­cho­lo­gie-Dis­ser­ta­tio­nen ankreiden?

Wei­te­re Fra­ge: Was haben Juris­ten und Geis­tes­wis­sen­schaft­ler – ein Judaist/Orientalist/Bibliothekswissenschaftler/Historiker/Kunsthistoriker und ein Historiker/Althistoriker/Latinist/Romanist – bei der fach­li­chen Bewer­tung einer Dis­ser­ta­ti­on, zu der sehr wohl auch die Form wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens genau des betref­fen­den Fach­be­reichs gehört und zusätz­lich sehr wohl auch die gül­ti­ge Form der Ent­ste­hungs­zeit, in Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten zu suchen?

Teil 3 von 5

Teil 1 von 5

zum Gesamt­bei­trag (Tei­le 1 bis 5)

Harald Bahner
Mas­ter of Busi­ness Con­sul­ting (FIBAA-akkre­di­tiert)
Magis­ter Arti­um Ger­ma­nis­tik, Geschich­te, Phi­lo­so­phie
Wis­sen­schaft­li­cher Ghost­wri­ter seit über 20 Jahren
Aka­de­mi­sche Fachbereichs-„Steckenpferde“: Sozio­lo­gie, Psychologie

Anmer­kung:
Ob die Dis­ser­ta­ti­on der Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­rin Dr. Annet­te Scha­van zu viel Pla­gi­at ent­hält, ent­schei­den Die­je­ni­gen, die sich mit dem Text detail­liert aus­ein­an­der set­zen. Dies hat der Autor die­ses hier vor­lie­gen­den Bei­trags nur teil­wei­se getan. Die Aus­sa­gen die­ses hier vor­lie­gen­den Bei­tra­ges kön­nen damit nicht als Posi­tio­nie­rung für oder gegen den Pla­gi­ats­vor­wurf der Dis­ser­ta­ti­on von Frau Dr. Scha­van ange­se­hen wer­den – und sol­len dies aus­drück­lich auch nicht. Es geht um Ande­res – sie­he den Gesamt­zu­sam­men­hang im Gesamt­text Tei­le 1 bis 5.