Noch ein Plagiat

Der zu den Großen zählende Buch- und Zeitschriftenverlag C. H. Beck hatte erst vor wenigen Wochen damit zu kämpfen; jetzt erwischt es den Springer Wissenschaftsverlag: Das Plagiat in einem Fachbuch.

Erst vor drei Wochen berichtete Ghostwriter.nu von einem Plagiatsfall beim rennomierten C. H. Beck Verlag: Das Geschichtswerk „Große Seeschlachten – Wendepunkte der Weltgeschichte von Salamis bis Skaggerak“ der beiden Historiker Arne Karsten und Olaf B. Rader sei vollständig aus Wikipedia-Beiträgen zusammenkopiert worden, ließ ein bis dato Unbekannter auf seiner Facebook-Seite verlauten (Ghostwriter.nu 2014). So zweifelhaft dieser Vorwurf auch war – der C. H. Beck Verlag nahm dieses Werk danach aus dem Verkauf.

Jetzt hat es den „Springer Vieweg“-Verlag erwischt, einen Ableger des internationalen Wissenschaftsverlags Springer Science+Business Media, der wiederum weltweit zweitgrößter Verlag für Wissenschaft, Technik und Medizin ist und zu dem noch so bekannte Verlage wie der Gabler Verlag, der VS Verlag für Sozialwissenschaften oder der Deutscher Universitäts-Verlag gehören (nicht zu verwechseln mit dem Axel Springer Verlag).

Geschichte der Rechenautomaten“ heißt das dreibändige Werk von Dr. Wolfram M. Lippe, das im Dezember 2013 in oben genanntem Verlag herauskam. Herr Lippe ist emeritierter Professor in Angewandter Informatik an den Universitäten Oldenburg und Münster und war leitender Direktor des Institutes für Angewandte und Instrumentelle Mathematik der Universität Münster. Dieses Werk interessierte deshalb unter anderem auch den Informatikhistoriker Herbert Bruderer, seines Zeichens ebenfalls im Ruhestand, ehemals von der ETH Zürich.

Und was Herr Bruderer in diesem Werk las, erinnerte ihn recht schnell an Texte, die er in seiner Erinnerung irgendwo schon einmal gelesen hatte, und zwar ganz genau so. Herr Bruderer recherchierte nach, und das vorläufige Ergebnis ist: Der erste Band besteht in nicht geringem Umfang aus Internetquellen, vor allem aus Wikipedia-Einträgen zu diversen Unterthemen oder aus wissenschaftsspezifischen Fachpublikationen, die allerdings auch im Internet zu finden sind. Ein Abschnitt ist der Website des „Arithmeum“ in Bonn entnommen, dem „arithmetischen Museum“ des Forschungsinstituts für Diskrete Mathematik an der Universität Bonn, in dem es unter anderem auch eine Sammlung an Rechenmaschinen gibt. Eine Auflistung von Wissenschaftlern und Maschinentypen ist der virtuellen Ausstellung „Mathematisches Maschinenmuseum“ der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg entnommen. Auch Ausführungen auf privaten Websites von Informatikkundigen wurden teils wortwörtlich übernommen.

Besagter Springer-Verlag mauert natürlich, die Übereinstimmungen in Fakten und Formulierungen seien nur in wenigen Fällen nachweisbar. Und der Autor, Wolfram Lippe, nahm zu den Plagiatsvorwürfen dergestalt Stellung, sein Werk sei kein wissenschaftliches, das üblicher Weise durch didaktische Aufbereitung besonders viel geistiges Eigentum beinhalten müsse, sondern sein Werk sei nur ein Fachbuch, das üblicher Weise zu 80 Prozent aus Daten bestehe, die als Allgemeingut nicht dem Urheberrecht unterliegen würden.

Nun denn. Man darf gespannt sein, wie das weiter geht. Nicht überrascht dürften Kundige indes darüber sein, dass ein Fachkollege diesen Fall ins Rollen gebracht hat. Es ist trotz oder gerade wegen der sich hartnäckig haltenden Vorstellung von „Plagiatssoftware“, die angeblich Hochschulen in womöglich auch noch geheimen Kellern betreiben, bis heute so: Derlei Plagiatssoftware taugt nichts oder höchstens so viel wie diejenigen, die derlei Vergleichssoftware pflegen, und eine solche Pflege ist (sehr) aufwändig. Die beste Plagiatssoftware ist und bleibt die Google-Suchmaschine und der Kopf Ihres Profs! Auch darüber hat Ghostwriter.nu schon mehrmals geschrieben.

Quellen dieser News:
Benitez, Eleonor: Auch das ist Datenverarbeitung. In: FAZ.net vom 17.05.2014, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/ein-plagiatsfall-bei-springer-vieweg-12936387.html (Stand 19.05.2014).
Lippe, Wolfram: Geschichte der Rechenautomaten. 3 Bde. Dezember 2013. Springer Vieweg Verlag.
Ghostwriter.nu 2014: Neue Plagiate . Ghostwriter.nu-News vom 28.04.2014.
Ghostwriter.nu: Aktuelles zur akademischen Ghostwriter-Branche vor 2014, Abschnitt „Plagiate und Plagiatskontrolle“