Menschenraub

Pla­gi­um“ ist das latei­ni­sche Grund­wort für Pla­gi­at und bedeu­tet ins Deut­sche über­setzt „Men­schen­raub“. „Pla­gia­ri­us“ bedeu­tet Skla­ven­händ­ler oder See­len­ver­käu­fer. Seit 1977 gibt es in Deutsch­land einen Nega­tiv­preis namens „Pla­gia­ri­us“ für beson­ders auf­fäl­li­ge Pro­dukt­ko­pi­en. Seit 2007 exis­tiert in der Stadt Solin­gen, die ansons­ten als Zen­trum der deut­schen Klin­gen-, Mes­ser- und Schneid­wa­ren­in­dus­trie gilt, das „Muse­um Pla­gia­ri­us“, das zum Ziel hat, die Öffent­lich­keit über die welt­wei­te Pro­dukt­pi­ra­te­rie zu infor­mie­ren. Spä­tes­tens seit Febru­ar 2011 ist mit dem ehe­ma­li­gen Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg das The­ma Pla­gi­at in den Wis­sen­schaf­ten in aller Mun­de. Seit weni­gen Wochen ist das The­ma Pla­gi­at durch die Dis­ser­ta­ti­on der der­zei­ti­gen Bun­des­mi­nis­te­rin für Bil­dung und For­schung Annet­te Scha­van wie­der ins Zen­trum der öffent­li­chen Wahr­neh­mung gerückt. Bei letzt­ge­nann­tem Fall geht es im Wesent­li­chen um die Para­phra­sie­rung, das heißt das Umschrei­ben oder Beschrei­ben eines Sach­ver­hal­tes, den eine ande­re Per­son bereits beschrie­ben hat, mit eige­nen Wor­ten unter mehr oder min­der häu­fi­ger Anbrin­gung die­ser ande­ren Per­son als Originalquelle.

Vor­ges­tern hat der Insti­tuts­di­rek­tor des Fach­be­reichs Juda­is­tik an der Uni­ver­si­tät Hal­le-Wit­ten­berg, Prof. Dr. Giu­sep­pe Vel­tri. einen Arti­kel über das Pla­gi­at publi­ziert. Dem­nach sei der Hort des ori­gi­nä­ren Wis­sens ins­be­son­de­re in den gro­ßen Reli­gio­nen zu fin­den. So sei­en die alten Grie­chen und die alten Römer im Wesent­li­chen Pla­gia­teu­re gewe­sen, indem sie ihr Wis­sen aus der jüdi­schen Tora (der hebräi­schen Bibel, in der christ­li­chen Bibel die fünf Bücher Mose, das Pen­ta­teuch) „geklaut“ und als ihr eige­nes Wis­sen aus­ge­ge­ben hät­ten. Ähn­li­ches sei den Chris­ten im Mit­tel­al­ter widerfahren.

Dabei hät­ten sich in der Anti­ke und auch im Mit­tel­al­ter die Urhe­ber von Schrift­wer­ken vor Pla­gia­ten schon dahin­ge­hend gewehrt, als dass sie bei Sach­aus­füh­run­gen die­se der­art ver­schlei­ert hät­ten, dass ein direk­ter und per­sön­li­cher Kon­takt zum Urhe­ber not­wen­dig gewe­sen wäre, hät­te ein Inter­es­sent die wah­ren Sach­aus­füh­run­gen in Erfah­rung brin­gen wol­len. Dies bezog sich ins­be­son­de­re auf die Her­stel­lung von Medi­ka­men­ten. Bei einer Ent­schleie­rung habe dem 

Urhe­ber der Ruin geblüht. Die Kon­se­quenz sei nicht sel­ten Selbst­mord des Urhe­bers gewe­sen. Eine ande­re Wehr­tech­nik von Urhe­bern sei die schrift­li­che Ver­flu­chung inner­halb des eige­nen Schrift­werks gegen womög­li­che Pla­gia­teu­re gewe­sen, so z. B. im „Sach­sen­spie­gel“ von Eike von Rep­gow oder in einem “mit­tel­al­ter­li­chen Text aus der berühm­ten Geni­za (Lager­raum) der Esra-Syn­ago­ge in Kairo“.

Es ist nicht ganz klar, was Sinn, Ziel und Zweck die­ses Arti­kels sein soll. Wenn ein Leser nach Lek­tü­re die­ses Arti­kels, immer­hin in einer der größ­ten und reno­mier­tes­ten deut­schen Tages­zei­tun­gen erschie­nen, „mit­nimmt“, das Abend­land und damit letzt­lich die gan­ze west­li­che Welt fuße auf einem rie­si­gen Pla­gi­at, näm­lich das der alten Grie­chen und Römer, dann ist ein sol­cher Bei­trag für die öffent­li­che Mei­nungs­bil­dung die­ses aktu­el­len öffent­li­chen The­mas viel­leicht nicht so gut. Denn dann muss jedes Pla­gi­at als voll­kom­men in Ord­nung, weil „welt­kon­form“, ange­se­hen wer­den und ist nicht zu kri­ti­sie­ren. Das kann’s nicht sein.

Harald Bahner

Quel­len die­ser News:
Vel­tri, Gui­sep­pe: „Möge, wer nicht zitiert, ver­misst wer­den und ver­ges­sen“. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 24.10.2012, S. N 5