IT frisst Akademiker

Das mitt­le­re Aka­de­mi­ker­tum befin­det sich auf einem abstei­gen­den Ast. Die neu­en IT-Ent­wick­lun­gen erset­zen zuneh­mend deren Arbeit. Wäh­rend­des­sen erfreut sich der Hoch­lohn- und Nied­rig­lohn­sek­tor bes­ter Gesund­heit. Das zumin­dest sind die neu­es­ten Befun­de der volks­wirt­schaft­li­chen, tech­no­lo­gi­schen und Arbeits­for­schung. Und das ist bedrohlich.

Bis­her ging man in der aka­de­mi­schen Lite­ra­tur davon aus, dass die Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie einen wis­sens­in­ten­si­ven tech­ni­schen Fort­schritt dar­stellt, der zuneh­mend Nach­fra­ge nach qua­li­fi­zer­ten Arbeits­kräf­ten gene­riert. Die neue, soge­nann­te „Pola­ri­sie­rungs­hy­po­the­se“ macht jedoch eine ande­re Rech­nung auf. Nach ihr kön­nen Com­pu­ter zuneh­mend kogni­ti­ve Pro­ble­me eines Erwach­se­nen lösen, schnei­den bei Intel­li­genz­tests sehr gut ab und kön­nen damit zuneh­mend ins­be­son­de­re die Tätig­kei­ten der mitt­le­ren Aka­de­mi­ker­schaft erset­zen. Wie kommt das?

Das Zau­ber­wort für die­se Ent­wick­lung ist „Künst­li­che Intel­li­genz“. Bril­lan­te Tech­no­lo­gi­en kön­nen heu­te schon füh­rer­lo­se Autos prä­sen­tie­ren, com­pu­ter­ge­steu­er­te Droh­nen zur Ver­sen­dung von Pake­ten in Minu­ten­schnel­le her­stel­len, Com­pu­ter­pro­gram­me zur Dia­gno­se von Krank­hei­ten anbie­ten oder intel­li­gen­te Soft­ware, die ein­fa­che Rechts­an­walts­tä­tig­kei­ten ersetzt, 3-D Dru­cker und vie­les mehr.

Ent­spre­chend dem kürz­li­chen IT-Gip­fel der Bun­des­re­gie­rung gehen wir damit einem Zeit­al­ter der bril­lan­ten Tech­no­lo­gi­en ent­ge­gen. Für die bei­den Öko­no­men des Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy (MIT) Erik Bryn­jolfs­son und Andrew McA­fee ist die­se IT-Ent­wick­lung das zwei­te Maschi­nen­zeit­al­ter der Menschheit.

Eine der­ge­stalt kom­po­nier­te Zukunfts­mu­sik hat heu­te schon hand­fes­te Zah­len vor­zu­wei­sen. Das Refe­renz­land für die­se Ent­wick­lung ist die in der IT füh­ren­de USA. Die drei zen­tra­len volks­wirt­schaft­li­chen Para­me­ter, die zu beob­ach­ten sich her­aus­kris­tal­li­siert haben, sind die Bil­dungs­prä­mie, der Ver­fall der Lohn­quo­te, und der Anstieg der Akademiker-Arbeitslosigkeit.

Bil­dungs­prä­mie
Die Bil­dungs­prä­mie misst, wie viel mehr Aka­de­mi­ker mit einem Bache­lor-, Mas­ter- oder Dok­tor­ti­tel ver­die­nen als ein ein­fa­cher Abitu­ri­ent. Inner­halb der letz­ten 20 Jah­re stieg die­se Bil­dungs­prä­mie in 1995 mit 58 % um ledig­lich 10% auf 68 % im Jahr 2012. Die­ser Anstieg um 10 % wird als ver­nach­läs­sig­bar ange­se­hen. Grund die­ser Ent­wick­lung ist die Inter­net-Tech­no­lo­gie, die zuneh­mend die Arbeit der mitt­le­ren Aka­de­mi­ker­schaft ersetzt. Die mitt­le­re Aka­de­mi­ker­schaft wird zuneh­mend unge­frag­ter. Dabei nimmt Deutsch­land noch eine ver­gleichs­wei­se posi­ti­ve Ent­wick­lung. Denn gera­de das inter­na­tio­nal ver­gleich­ba­re, angeb­lich schlech­te Bil­dungs­an­ge­bot in Deutsch­land mit einer Stei­ge­rungs­ra­te von ledig­lich 25% im Zeit­raum 1995–2012 führ­te immer­hin noch zu einem Anstieg die­ser Bil­dungs­prä­mie, weil das Ange­bot an Aka­de­mi­kern bis heu­te den Bedarf an Aka­de­mi­kern über­steigt. In Ita­li­en und Eng­land hat sich das Bil­dungs­an­ge­bot zwi­schen 1995 und 2012 indes ver­dop­pelt, in Frank­reich ist es um 60 % gestie­gen und in Öster­reich gar um das Zwei­ein­halb­fa­che. In allen die­sen Län­dern ist die Bil­dungs­prä­mie des­halb durch­ge­hend gefal­len. Das Bil­dungs­an­ge­bot über­traf und über­trifft hier die Nach­fra­ge nach mitt­le­rer qua­li­fi­zier­ter, aka­de­mi­scher Arbeit bei weitem.

Lohn­quo­te
Die Lohn­quo­te misst den Anteil des Volks­ein­kom­mens, den Arbeit­neh­mer im Ver­gleich mit Kapi­tal­eig­nern auf­wei­sen. Jahr­zehn­te­lang galt die Regel, dass etwa 70 % eines Volks­ein­kom­mens auf Arbeit­neh­mer ent­fällt und 30 % auf Arbeitgeber/Kapitaleigner. Die­se Auf­tei­lungs­quo­te war bis in die acht­zi­ger Jah­re hin­ein kon­stant. Seit­dem fällt sie. Heu­te haben Arbeit­neh­mer nur noch einen Anteil am Gesamt­volks­ein­kom­men von 58 % und Kapi­tal­eig­ner einen Anteil von bereits 42 %. Grund der Ent­wick­lung ist, dass Unter­neh­men durch bil­li­ge­re Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie zuneh­mend rela­tiv teu­re Arbeits­kräf­te erset­zen, was zuneh­mend die mitt­le­re Aka­de­mi­ker­schaft trifft.

Aka­de­mi­ker-Arbeits­lo­sig­keit
In Deutsch­land ist die Aka­de­mi­ker­ar­beits­lo­sig­keit noch sehr gering. All­ge­mein ist die Arbeits­lo­sen­ra­te unter Aka­de­mi­kern halb so hoch wie im Rest der Bevöl­ke­rung. In den USA als Vor­rei­ter der IT Tech­no­lo­gie ist das indes zuneh­mend nicht mehr so. Im Jahr 2000 betrug die Aka­de­mi­ker-Arbeits­lo­sig­keit noch 1,8 %. Im Jahr 2012 betrug sie indes genau das Zwei­ein­halb­fa­che, näm­lich 4,6 %. In Frank­reich, Ita­li­en und Spa­ni­en ist die Ent­wick­lung ähn­lich. Den­noch ist auch für Deutsch­land mit einer sol­che Ent­wick­lung bedroht. Ver­schärft wird die Aka­de­mi­ker-Arbeits­lo­sig­keit in Deutsch­land auch durch einen Bache­lor-Abschluss, der in der Wirt­schaft nicht ernst genom­men wird, im gesam­ten Aus­land über­haupt nicht aner­kannt wird, sofern er auf dem soge­nann­ten G8-Abitur basiert, und Bache­lor­ab­sol­ven­ten erhal­ten mitt­ler­wei­le durch­ge­hend Arbei­ten, die auch ein bes­se­rer Abitu­ri­ent oder Absol­vent einer dua­len Leh­re machen kann.

Die­se bis­he­ri­ge Ent­wick­lung ins­be­son­de­re in den USA, aber auch in ande­ren euro­päi­schen Län­dern wie Frank­reich, Öster­reich oder Spa­ni­en ist ein erneu­ter Beleg dafür, dass das dua­le Bil­dungs­sys­tem und der ver­gleichs­wei­se weit stär­ker auf­ge­stell­te Indus­trie­sek­tor in Deutsch­land die auf­ge­zeig­ten Nega­tiv­ent­wick­lun­gen in Deutsch­land bis­her zumin­dest ver­hin­der­ten. Die Fra­ge, die sich vie­le stel­len, die sich mit die­sen glo­ba­len Ent­wick­lun­gen befas­sen, ist indes: wie lan­ge noch? Denn ganz geht die­se Ent­wick­lung an Deutsch­land natür­lich auch nicht vorbei.

Das Wachs­tum des soge­nann­ten Human­ka­pi­tal­stocks der deut­schen Volks­wirt­schaft hat sich inner­halb von einem Jahr­zehnt um 70 % ver­lang­samt, was posi­tiv gewen­det als „Gegen­ent­wick­lung“ ange­se­hen kann, die die Nach­fra­ge nach Arbeits­kräf­ten, ins­be­son­de­re nach qua­li­fi­zier­ten Arbeits­kräf­ten, noch nicht hat ero­die­ren las­sen. Die skiz­zier­te IT-Ent­wick­lung führt jedoch dazu, dass Unter­neh­men, die nach der Wen­de in Ost­eu­ro­pa hoch qua­li­fi­zier­te Mit­ar­bei­ter für wenig Lohn und Gehalt fan­den und des­halb Wis­sens­in­ten­si­ves und wis­sens­in­ten­si­ve Pro­duk­ti­on dort­hin ver­la­ger­ten, heu­te wie­der nach Deutsch­land zurück­kom­men wol­len. Denn das mitt­le­re Aka­de­mi­ker­ni­veau wird nicht mehr gebraucht, weder dort noch hier. Die IT über­nimmt nun deren Arbeit. Noch ist es nicht soweit. Eine gera­de erschie­ne­ne Umfra­ge der Unter­neh­mens­be­ra­tung PWC ergab hier jedoch, dass zwei Drit­tel der Unter­neh­men schon zumin­dest Tei­le der Pro­duk­ti­on nach Deutsch­land zurück ver­la­gert haben, und 50 % der befrag­ten Fir­men gaben an in den nächs­ten zwölf Mona­ten wei­te­re Rück­ver­la­ge­run­gen geplant zu haben.

Die­se Gesamt­ent­wick­lung mag an zwei Bei­spie­len illus­triert wer­den. In den USA hat eine ein­zi­ge Soft­ware in den letz­ten Jah­ren eine gan­ze Gene­ra­ti­on von spe­zia­li­sier­ten Juris­ten arbeits­los gemacht. Das Rechts­sys­tem der USA basiert auf Prä­ze­denz­fäl­len. Das Auf­fin­den von Prä­ze­denz­fäl­len erbrach­te den­je­ni­gen Juris­ten, die sich auf die­se Art der Tätig­keit spe­zia­li­siert hat­ten, jahr­zehn­te­lang ihr ordent­li­ches Ein­kom­men. Jetzt fin­det die­se Prä­ze­denz­fäl­le eine neue Soft­ware, die über Big Data und Rie­sen­com­pu­ter in Sekun­den­schnel­le das Pas­sen­de ausspuckt.

Eine neue Dia­gno­se­soft­ware ersetzt auch zuneh­mend Ärz­te. Waren es frü­her die Ärz­te, die eine Krank­heit dia­gnos­ti­zier­ten, so ist es heu­te zuneh­mend Soft­ware, die in Sekun­den­schnel­le in einer welt­wei­ten Mas­sen­da­ten­bank, einer medi­zi­ni­schen Biblio­thek, die alle Krank­heits­bil­der der Welt doku­men­tiert, über Mus­ter­er­ken­nun­gen die­se Dia­gno­se vornimmt.

Das mitt­le­re Aka­de­mi­ker scheint damit bereits mit­tel­fris­tig erheb­lich bedroht. In der Vor­rei­ter­na­ti­on die­ser Ent­wick­lung, den USA, beob­ach­tet man hin­ge­gen, dass die Beschäf­ti­gung in den Hoch­lohn- und Nied­rig­lohn-Jobs steigt. Mana­ger auf der einen und Kran­ken­schwes­tern oder Alten­pfle­ger auf der ande­ren Sei­te fin­den schnell einen Job., das mitt­le­re Aka­de­mi­ker­tum hin­ge­gen immer weniger.

Qel­len und wei­ter­füh­ren­de Links die­ser News:
Marin, Dalia: Die bril­li­an­ten Robo­ter kom­men. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 21.11.2014, S. 16.
Bryn­jolfs­son, Erik / McA­fee, Andrew: The Second Machi­ne Age: Wie die nächs­te digi­ta­le Revo­lu­ti­on unser aller Leben ver­än­dern wird. Plas­sen Ver­lag Okto­ber 2014; ori­gi­nal eng­lisch u.d.T „Second Machi­ne Age : Work, Pro­gress, and Pro­spe­ri­ty in a Time of Bril­li­ant Tech­no­lo­gies“, Nor­ton & Com­pa­ny, Febru­ar 2014.
Ghost­wri­ter.nu: G8-Abitur – Hoch­schul­ge­setz in Baden-Würt­tem­berg – „Brain Drain“? Ghostwriter.nu-News vom 26.02.2014.
Ghostwriter.nu: Indus­trie­sek­tor trägt Wirt­schaft Deutsch­lands . Ghostwriter.nu-News vom 15.03.2013.