Hochschulen verlieren akademisches Wissen

13 befris­te­te Arbeits­ver­trä­ge in 11 Jah­ren, das ist zu viel, urteil­te kürz­lich das Bun­des­ar­beits­ge­richt. „Rechts­miss­bräuch­li­cher Aus­nut­zung der an sich eröff­ne­ten recht­li­chen Gestal­tungs­mög­lich­keit“ nen­nen die Bun­des­ar­beits­rich­ter die­sen Fall (Az: 7 AZ 443/09). Vier befris­te­te Arbeits­ver­hält­nis­se in knapp acht Jah­ren rei­chen nach dem­sel­ben Bun­des­ar­beits­ge­richt jedoch noch nicht aus für eine der­ar­ti­ge recht­miss­bräuch­li­che Aus­nut­zung (Az: 7 AZ 783/10).

Damit haben die Bun­des­ar­beits­rich­ter § 14 Abs. 1 Satz 1 Teil­zeit- und Befris­tungs­ge­setz höchst­ar­beits­rich­ter­lich zwar begrenzt. Der Spiel­raum von Ket­ten­ar­beits­ver­trä­gen für Arbeit­ge­ber ist indes immer noch erheblich.

Ket­ten­ver­trä­ge sind vor allem eine Spe­zia­li­tät des öffent­li­chen Diens­tes und hier ins­be­son­de­re der Hoch­schu­len. 85 Pro­zent aller Arbeits­ver­trä­ge an Hoch­schu­len sol­len befris­tet sein (Kne­ckel 2012, 12f.). In einem der­ar­ti­gen Arbeits­um­feld kann kein jun­ger Aka­de­mi­ker was auch immer pla­nen. Es gibt prak­tisch kei­ne Per­spek­ti­ve für jun­ge Aka­de­mi­ker an deut­schen Hoch­schu­len. Dem gegen­über stieg die Anzahl der Zeit­ver­trä­ge in der deut­schen Wirt­schaft in den let­zen zehn Jah­ren zwar um das dop­pel­te. Doch jeder zwei­te befris­te­te Ver­trag führt hier direkt auf eine unbe­fris­te­te Stelle. 

Unse­re Hoch­schu­len soll­ten doch eigent­lich unser „Hort des Wis­sens“ sein. Mit der­lei Arbeits­be­din­gun­gen, die es aller­dings schon seit gut zwei Jahr­zehn­ten gibt, wenn auch nicht in einer solch ver­schärf­ten Form wie der­zeit, ist die­ser „Hort“ wohl nur Fik­ti­on. Exper­ti­se ist offen­sicht­lich zuerst in der frei­en Wirt­schaft zu fin­den – und bei wis­sen­schaft­li­chen Ghost­wri­tern, die wis­sen­schaft­li­che Tex­ter­stel­lung im Kun­den­auf­trag als qua­li­fi­ka­to­risch ange­mes­se­ne Tätig­keit in Erwä­gung zie­hen (müs­sen).

Die Exper­ti­se der frei­en Wirt­schaft und wis­sen­schaft­li­cher Ghost­wri­ter kam indes ein­mal von den deut­schen Hoch­schu­len. Es ist ganz offen­sicht­lich eine Gren­ze erreicht, die anzeigt, die­sen Ader­lass des Wis­sens der Hoch­schu­len zu stop­pen. Ange­mes­se­ne und fai­re Ver­gü­tun­gen von wis­sen­schaft­lich Täti­gen an Hoch­schu­len wäre das Zau­ber­wort. Der­ge­stalt muss die Per­so­nal­po­li­tik deut­scher Hoch­schu­len drin­gend einer kri­ti­schen Prü­fung unter­zo­gen und über­dacht werden. 

Harald Bahner

Quel­len die­ser News:
Bun­des­ar­beits­ge­richt: Urtei­le Az: 7 AZR 443/09 und Az: 7 AZR 783/10 von jeweils 18.07.2012 gem. Pres­se­mit­tei­lung 54/12 unter der URL: juris.bundesarbeitsgericht.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bag&Art=pm&Datum=2012&nr=16060&pos=10&anz=64&titel=%E2%80%9EKettenbefristung%E2%80%9C_und_Rechtsmissbrauch (Stand 17.09.2012) – Bei­de Urtei­le mit jewei­li­gem Datum 18.07.2012 sind am 17.09.2012 auf den Inter­net­sei­ten des Bun­des­ar­beits­ge­richts noch nicht ver­öf­fent­licht. Vor­ab­ent­schei­dung in der Sache 7 AZR 443/09 vom 17.11.2010 mit der Bit­te des Bun­des­ar­beits­ge­richts an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) um eine Grund­satz­ent­schei­dung bezüg­lich Ket­ten­ar­beits­ver­trä­gen unter der URL: juris.bundesarbeitsgericht.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bag&Art=en&sid=e0e7805046af944a348fa9970770fd0b&nr=14786&pos=0&anz=1 (Stand 17.09.2012).
Kne­ckel, Rein­hard: Habi­li­ta­ti­on ver­sus Ten­u­re. Kar­rie­re­mo­del­le an Uni­ver­si­tä­ten im inter­na­tio­na­len Ver­gleich. In: For­schung & Leh­re 1/12, S. 12–14.