Geisteswissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Langzeit-Grundlagenforschung erreicht demnächst die Nulllinie

Von jeher stan­den die Geis­tes­wis­sen­schaft­ler und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler nach ihrem Stu­di­um im Beruf unter Druck. Denn sie wer­den als Gene­ra­lis­ten aus­ge­bil­det, nicht in bestimm­ten, fest defi­nier­ten Berufs­bil­dern. Dem­entspre­chend schwie­rig sind der Berufs­ein­stieg und die Erhal­tung der Erwerbs­tä­tig­keit. Nicht anders sieht es für Geis­tes­wis­sen­schaft­ler und Kul­tur­wis­sen­schaft­ler auch in der Grund­la­gen­for­schung aus. Jetzt soll es noch dicker kommen.

(Ghost­wri­ter.nu) Geis­tes­wis­sen­schaft­li­che und kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Grund­la­gen­for­schung finan­ziert im deut­schen Wis­sen­schafts­sys­tem bei nor­ma­len Ein­zel­pro­jek­ten, die etwa drei Jah­re dau­ern, und lang­fris­ti­ge­ren For­schungs­pro­jek­ten wie grö­ße­re Quel­len­be­stän­de erschlie­ßen oder Wör­ter­bü­cher oder Edi­tio­nen ver­fas­sen, die bis zu zwölf Jah­re dau­ern kön­nen, die Deut­sche For­schungs­ge­mein­schaft (DFG). Bei noch län­ge­ren For­schungs­vor­ha­ben, die zwi­schen zwölf und 25 Jah­re dau­ern kön­nen, gibt es indes die soge­nann­ten Aka­de­mi­en. Deren Pro­gram­me wer­den vom Bund und von den Län­dern finan­ziert. Der­zeit gibt es ins­ge­samt 153 sol­che Pro­jek­te mit ins­ge­samt 209 Arbeits­stel­len und einem För­der­vo­lu­men von 63 Millionen €.

Der­lei Aka­de­mi­en­pro­gram­me, die auf Lang­fris­t­pro­jek­te in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten aus­ge­rich­tet sind, gibt es sonst nir­gend­wo auf der Welt. So kön­nen bei­spiels­wei­se sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Lang­zeit­be­ob­ach­tun­gen durch­ge­führt wer­den. Nach­läs­se von Gelehr­ten kön­nen durch­ge­ar­bei­tet und sys­te­ma­tisch erschlos­sen wer­den. Gefähr­de­te Schrif­ten oder Inschrif­ten aller Zei­ten kön­nen edi­tiert, archi­viert und auch geret­tet wer­den. Kul­tu­rel­le Über­lie­fe­run­gen unter­ge­gan­ge­ner Zivi­li­sa­tio­nen kön­nen erhal­ten blei­ben. Kon­kre­te The­men die­ser Bei­spie­le kön­nen sein die Ent­wick­lung der deut­schen Spra­che, gro­ßer Kom­po­nis­ten wie Beet­ho­ven oder Haydn, um die (unter­ge­gan­ge­ne) Khmer-Lite­ra­tur in Kam­bo­dscha, um Runen­schrif­ten und deren Quel­len, um die Ent­zif­fe­rung ori­en­ta­li­scher Hand­schrif­ten usw. Der emi­nen­te kul­tu­rel­le Wert die­ser Aka­de­mi­en­pro­gram­me ist rela­tiv unbestritten.

Die Finan­zie­rung der­lei Aka­de­mi­en­pro­gram­me ist es nicht. Die­se Pro­gram­me wer­den in immer kür­ze­ren Zeit­ab­stän­den eva­lu­iert, Zeit­räu­me, die dem jewei­li­gen Lang­frist-For­schungs­vor­ha­ben zuneh­mend nicht mehr ent­spre­chen, d.h. die Eva­lu­ie­rungs­zeit­räu­me sind zu kurz. Dem­entspre­chend, weil man nach einer Eva­lu­ie­rung nicht weiß, ob es so wei­ter­ge­hen wird wie bis­her, sind die Ver­trä­ge für wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter eben jene miss­li­chen Ket­ten­zeit­ar­beits­ver­trä­ge, die zuneh­mend abge­schafft wer­den soll(t)en (1).

Eine sol­che Aka­de­mi­en-Lang­frist­för­de­rung über­haupt zu bekom­men, wird auch immer zeit­auf­wän­di­ger, um nicht zu sagen zuneh­mend absurd, und das geht so: Eine 10-sei­ti­ge Pro­jekt­skiz­ze macht den Anfang, die in einer der acht Wis­sen­schafts­aka­de­mi­en oder an der Natio­nal­aka­de­mie Leo­pol­di­na vor­ge­stellt wird; es gibt etwa 100 sol­che Pro­jekt­skiz­zen pro Jahr; in einer inter­nen Begut­ach­tung ent­schei­det die jeweils betrof­fe­ne bzw. zustän­di­ge Aka­de­mie dann über die Boni­tät des Vor­ha­bens; geht die­se Prü­fung posi­tiv aus, wird der Pro­jekt­ein­rei­cher um einen Voll­an­trag ebe­ten; ist der Voll­an­trag in Ord­nung, erfolgt ein exter­ner, inter­na­tio­na­ler Begut­ach­tungs­pro­zess durch Ver­tre­ter der Uni­on der acht Aka­de­mi­en; wird das For­schungs­vor­ha­ben hier dann von min­des­tens drei zustim­men­den Gut­ach­ten befür­wor­tet, geht der ent­spre­chen­de Antrag end­lich an die eigent­li­che Uni­on der Aka­de­mi­en; die­se ent­schei­det in Form einer wis­sen­schaft­li­chen Kom­mis­si­on ein­mal pro Jahr über die Qua­li­tät des Vor­ha­bens; zum Schluss wer­den 8 von 100 Pro­jekt­skiz­zen bewil­ligt. Wer da über­haupt kei­ne Lust mehr hat, sich auf so etwas über­haupt ein­zu­las­sen, kann nur noch als gesund und „nor­mal“ bezeich­net werden.

Jetzt soll es noch schlim­mer kom­men. In den nächs­ten drei Jah­ren sol­len knapp 2 Mil­lio­nen € für alle For­schungs­vor­ha­ben ins­ge­samt zur Ver­fü­gung ste­hen; es sei denn, Bund und Län­der wür­den doch noch etwas mehr Geld in die­ser Hin­sicht locker­ma­chen. Zum Ver­gleich: Mit die­ser Sum­me über drei Jah­re hin­weg kann man etwa 20–25 m gepflas­ter­ten Geh­weg her­stel­len. 2016 sol­len es noch 13 Aka­de­mi­en­pro­jek­te wer­den, 2017 noch 22, und dann geht es für die nächs­ten drei Jah­re bis zum Jahr 2020 mit ins­ge­samt nur noch 4–5 Neu­vor­ha­ben ins­ge­samt berg­ab bis hart an die Null­gren­ze. Dabei machen die­sen neu­en Pro­jek­ten finan­zi­ell nicht nur die lau­fen­den Gehalts­ta­rif­er­hö­hun­gen zu schaf­fen, son­dern vor allem – und die­ser Punkt ist sehr inter­es­sant – die Digi­ta­li­sie­rung und damit die moder­nen Werk­zeu­ge und vor allem auch moder­nen Bewah­rungs­mit­tel eben die­ser Lang­zeit-Aka­de­mi­en­pro­jek­te. Letz­te­rer Grund, der erheb­li­che Anstieg der Digi­ta­li­sie­rungs­kos­ten, gilt indes für alle geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen DFG-Vor­ha­ben und mitt­ler­wei­le letzt­lich für alle Berei­che der Wis­sen­schaft. Im End­ergeb­nis bezo­gen nur auf die Geis­tes­wis­sen­schaf­ten wer­den heu­te ins­be­son­de­re des­halb ein Drit­tel weni­ger geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Vor­ha­ben geför­dert als noch vor zehn Jahren.

Die­se Digi­ta­li­sie­rung der geis­tes- und kul­tur­wis­sen­schaft­li­chen Pro­jek­te führt aktu­ell zu einer zuneh­mend ver­las­se­nen For­schungs­land­schaft und zu einer Gefähr­dung der fach­li­chen Viel­falt sowie zu einer kul­tur­po­li­ti­schen Frus­tra­ti­on, die den bis­he­ri­gen Stel­len­wert die­ser Aka­de­mi­en­pro­gram­me und -for­schungs­vor­ha­ben zuneh­mend unter­gräbt. Das Geld fließt also zu einem Gut­teil in das neue Werk­zeug Digi­ta­li­sie­rung, das frü­her für For­schung ver­wen­det wer­den konn­te – und es fin­det kein ent­spre­chen­der Mit­tel­aus­gleich durch Mit­tel­er­hö­hung statt.

Wo hier noch Wis­sen­schafts­po­li­tik sein soll, das weiß nur noch… ja, wer? Und wir wol­len bzw. sol­len bzw. müs­sen künf­tig in einer zuneh­mend ver­netz­ten, inter­na­tio­na­len und mul­ti­kul­tu­rel­len Welt leben, die wir noch ver­ste­hen kön­nen sollen?

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