Der Markt in der Hochschule versagt

Die Bildungspolitik Baden-Württembergs dreht weiter an der Schraube des freien Marktes auch im Hochschulbereich, nunmehr bei den dortigen Musikhochschulen. Währenddessen stellt ein breites Gremium hochkarätiger Wissenschaftler, Ökonomen und Politiker in Großbritannien fest, dass der freie Markt im Bildungs- und Hochschulbereich nichts zu suchen habe.

Baden-Württemberg

500 Studienplätze und 50 Professorenstellen wollte das Land Baden-Württemberg an seinen fünf Musikhochschulen in Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Freiburg und Trossingen abbauen. Nach längerem Streit ist jetzt davon keine Rede mehr.

Die Landesregierung Baden-Württembergs folgt den Einsparungsforderungen des Landesrechnungshofes, die zu oben genannten Plänen geführt haben, nicht. Vielmehr wird den Musikhochschulen Baden-Württembergs jetzt noch zusätzlich Geld gegeben, das aus den BAföG-Millionen kommt, die den Ländern zufließen, wenn bald der Bund allein die BAföG Kosten übernimmt. 28 Millionen € mehr über sechs Jahren bekommen die fünf Musikhochschulen Baden-Württembergs. 11,5 Millionen € sollen in die Grundfinanzierung und Personalkosten fließen und 16,5 Million € projektbezogen vergeben werden.

Dafür soll jede der fünf Musikhochschulen Schwerpunkte bilden und Evaluation durchführen, um zu zeigen, wer international am Konkurrenzfähigsten ist. Und die Hochschule, die dann scheinbar am Konkurrenzfähigsten ist, bekommt das meiste Geld. Hintergrund des wiederholten Einziehens des Wettbewerbsgedankens in die Hochschullandschaft, diesmal in die Musikhochschullandschaft, ist, dass alle fünf Musikhochschulen Baden-Württembergs mehr oder minder dasselbe anbieten. Jetzt soll sich zeigen, welche Schwerpunkte sich am Ende durchsetzen werden. Mannheim hat schon angekündigt einen Schwerpunkt „Dirigieren“ einzurichten. Freiburg will den Schwerpunkt “Forschung in der Musikwissenschaft“ gemeinsam mit der Freiburger Universität ausgestalten. Die anderen drei Hochschulen haben noch keine Schwerpunktpläne oder schweigen aktuell noch darüber.

Weiterhin will das Bundesland Baden-Württemberg für das Geld, das es gibt, Zielvereinbarungen mit allen Musikhochschulen schließen und die Honorare der Lehrbeauftragten sollen deutlich steigen. Lehrbeauftragte gibt es an der Musikhochschule in Karlsruhe am meisten. In Stuttgart und Freiburg gibt es die meisten Musikhochschulprofessoren. Darüber hinaus können die Hochschulen das zeitliche Deputat ihrer akademischen Mitarbeiter erhöhen und sie können die Verhältnisse von W2-, W3-, und W1-Professorenstellen flexibler verschieben.

Es lebe der Wettbewerb nicht nur an den und innerhalb der Hochschulen, sondern auch der Musikhochschulen. Dass Lernen, und hier insbesondere das Verständnis von Mathematik und Musik, Zeit braucht, die nicht beliebig verhandelbar ist, wird ganz offensichtlich immer mehr vergessen.

Großbritannien

Da sind die Briten weiter. “Den Marktgedanken in den Bildungsbereich einzuführen, obwohl dieser eben nicht wie ein Markt funktioniert, setzt die finanzielle Nachhaltigkeit dieses Sektors aufs Spiel“ (zit. o.V. 2014). Und: “Das derzeitige System ist nicht zukunftsfähig“ (ebd.). Diese markigen Worte sind der Kern eines vernichtenden Urteils über die derzeitige Finanzierung des britischen Hochschulwesens. Und diese Worte sind gestern in einem Report veröffentlicht worden von einem Gremium aus Wissenschaftlern, Ökonomen und Mitgliedern aller drei im britischen Unterhaus vertretenen Parteien, wozu auch die Regierungspartei gehört.

Es war dieselbe Regierungspartei, die 2011 mit einer Reform das britische Hochschulwesen verändern wollte. 9.000 £ müssen Studierende seither jährlich Hochschulgebühren bezahlen, das sind aktuell ca. 11.000 €. Die konservative Regierung wollte mit diesen Studiengebühren etwas mehr Marktwirtschaft in das Hochschulwesen bringen. Damals zog das Argument, zahlende Studierende als Kunden würden das Angebot und die Qualität der Hochschulen erhöhen.

Nichts davon ist eingetreten, stellt eingangsgenanntes Gremium in ihrem besagten Report fest. Es gibt weder neue Studienangebote noch nennenswerte Innovationen in der Lehre. Als „Gegenleistung“ nehmen alle britischen Universitäten aber den staatlich zulässigen Maximalbetrag an Studiengebühren. Den müssen sie allerdings seit Beginn dieser „Reform“ auch nehmen, denn um in etwa diese Gebühren kürzt der Staat die Grundfinanzierung der Universitäten und Hochschulen seither. Bildung wurde also privatisiert. Jeder britische Studierende häuft deshalb im Schnitt 44.000 £ pro Studium an Schulden auf (aktuell ca. 55.000 EUR), und ein Teil dieser Gebührenschuld wird ihnen nur erlassen, wenn sie später zu wenig im Beruf verdienen. Diese Schuldenlast wirkt also lange. Der Staat erstattet dann diese ausgefallenen Studiengebühren gegenüber den Hochschulen und finanziert diese damit indirekt doch.

Also nichts mit Markt in der Bildung. Das sollte allen zu denken geben, die meinen, Bildungspolitiker oder -experten zu sein oder sein zu wollen.

Quellen dieser News (Auswahl):
o. V. (2014): „Als Markt funktionieren Unis nicht“. In: Tagesspiegel (Berlin) vom 19.11.2014, S. 22.
Verwandte Links zum Thema
Ghostwriter.nu: Was uns höherer Bildung Wert ist . Ghostwriter.nu-News vom 12.11.2014.
Ghostwriter.nu: Länder wollen Hochschulgelder zweckentfremden . Ghostwriter.nu-News vom 24.09.2014.