Das Leiden der Doktoranden

Die uni­ver­si­tä­ren Kar­rie­re­we­ge sind ver­stopft. Nur jeder zehn­te Dok­tor kann nach der Dis­ser­ta­ti­on im aka­de­mi­schen Bereich blei­ben. Davon sind etwa drei Vier­tel aller Beschäf­tig­ten im Mit­tel- und Ober­bau befris­tet Beschäf­tig­te. Der Frust von pro­mo­vie­ren­den oder pro­mo­vier­ten Aka­de­mi­kern ist ent­spre­chend groß – und kann zuneh­mend im Inter­net besich­tigt werden.

Howtoleaveacademia.com – frei über­setzt: Wie Sie den aka­de­mi­schen Pfad ver­lass­sen kön­nen – heißt eine neue­re Inter­net­platt­form, auf der sich Dok­to­ran­den oder fer­ti­ge Dok­to­ren teils bit­ter über ihre oft als ver­lo­ren emp­fun­de­ne Lebens­zeit wäh­rend der Pro­mo­ti­on und dann vor allem über ihre „neu­en“ Arbeits­per­spek­ti­ven als fer­ti­ge Dok­to­ren bekla­gen. Lolmythesis.com – auf Deutsch: laut über mei­ne Dis­ser­ta­ti­on lachen (lol = laugh out out = laut lachen) – nennt sich eine ande­re Inter­net­platt­form, auf der Pro­mo­vier­te die Kern­er­geb­nis­se ihrer Dis­ser­ta­ti­on auf 140 Zei­chen zusam­men­fass­sen sol­len, d.h. in der Text­län­ge einer SMS

Dabei spre­chen die eben genann­ten bei­den Inter­net­platt­for­men US-ame­ri­ka­ni­sche Aka­de­mi­ker an – und in den USA ist die aka­de­mi­sche Welt noch weit rosi­ger als in Deutsch­land. Hier, in Deutsch­land, ist die Bil­dungs­ex­pan­si­on vor­bei. Nur noch jeder zehn­te Dok­tor ver­bleibt an der Hoch­schu­le. Von die­sem Zehn­tel haben drei von vier nur eine befris­te­te Anstel­lung. Zum Ver­gleich: In den USA haben nur 18 Pro­zent der Pro­mo­vier­ten eine befris­te­te Hoch­schul-Anstel­lung. Die zuneh­men­den Gra­du­ier­ten­kol­legs, die in Deutsch­land für Dok­to­ran­den ein­ge­rich­tet wur­den, um die­se davor zu schüt­zen, als Klon des eige­nen Pro­fes­sors zu enden, wir­ken mitt­ler­wei­le auch kon­tra­pro­duk­tiv: Das Vit­amin „B“ des Pro­fes­sors für eine even­tu­el­len Arbeits-Kar­rie­re sei­nes Zög­ling wird nicht mehr gefragt und gewagt, weil Gra­du­ier­ten­kol­legs die Bezie­hung zwi­schen Dok­to­rand und Pro­fes­sor ent­per­so­na­li­siert haben.

Zwei Drit­tel aller Dok­to­ran­den bre­chen ihr Pro­mo­ti­ons­vor­ha­ben des­halb ab. Aller­dings ist Deutsch­land auch das Land, wo anteil­mä­ßig so vie­le Men­schen ihren Dok­tor machen wie sonst nir­gends auf der Welt. Das Gros der Abbre­cher kommt aus den sozi­al- und geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Fach­be­rei­chen. In den Natur­wis­sen­schaf­ten wie Bio­lo­gie oder Che­mie, ist die Pro­mo­ti­on hin­ge­gen qua­si der Regel­ab­schluss, der „ers­te“ weil ein­zig arbeits­stel­len­träch­ti­ge Berufsabschluss.

Und so bleibt die Pro­mo­ti­on trotz der schlech­ten Berufs­aus­sich­ten im Hoch­schul­be­reich den­noch ein zwei­schnei­di­ges Schwert. Denn abge­se­hen von einer Hoch­schul­kar­rie­re gibt es in der Wirt­schaft einer­seits Vor­be­hal­te gegen Pro­mo­vier­te – Stich­wor­te: nicht team­fä­hig genug, weiß schon zuviel, ist zu gro­ßer Kon­kur­rent. Ande­rer­seits wer­den sie geschätzt – Stich­wor­te: exak­tes Arbei­ten, Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, Repu­ta­ti­on. Ins­be­son­de­re in der Betriebs­wirt­schafts­leh­re und auch in Jura ist der Pro­mo­vier­te eine ganz über­wie­gend posi­tiv besetz­te Figur.

Nur ein Aka­de­mi­ker blei­ben, das gelingt heu­te offen­bar so weni­gen Dok­to­ren wie noch nie. Die­sen Umstand soll­te man beson­ders berück­sich­ti­gen, wenn man pro­mo­vie­ren will.

Quel­len:
Gross­arth, Jan: Flucht vor den Fuß­no­ten. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 11./12.01.2014, S. C 8 (Beruf und Chan­ce – Campus).
Howtoleaveacademia.com, www.howtoleaveacademia.com (Stand 15.01.2014).
Lolmythesis.com, www.lolmythesis.com (Stand 15.01.2014).
Thesis.de, www.thesis.de, (Stand 15.01.2014).