Ist die deutsche BWL bedroht?

Die digitale Revolution ist in aller Munde. Andreas Pinkwart, Direktor der HHL Leipzig Graduate School of Management und Inhaber des Deutschen Bank Stiftungsfonds für Innovationsmanagement und Entrepreneurship, wies in einem gestrigen Zeitungsartikel darauf hin, dass diese digitale Revolution vor den Toren auch der Business Schools nicht halt mache. Anlass seiner Ausführungen ist die von der IBM und weltweit führenden Akkreditierungsagenturen kürzlich vorgelegte „Business Education Jam“ (dt. in etwa ‚Blockade in der BWL-Ausbildung‘), die eine zunehmende Kluft zwischen Selbstwahrnehmung der deutschen Business Schools und Fremdwahrnehmung dieser Business Schools durch die Wirtschaft festgestellt haben will. Als Gründe für diese Kluft sieht Herr Pinkwart die weltweit wachsenden sozialen, ökologischen und interkulturellen Spannungen, aber auch die veränderten Wertevorstellungen und Erwartungen der neuen Generation der „Millenials“. Die „Millenials“, auch als Generation Y oder kurz Gen Y bezeichnet, sind eine Wortschöpfung der Soziologie und bezeichnen die Generation der 1990-2010 Geborenen; ihnen werden spezifische Eigenschaften zugeschrieben. Diese „Millennials“ würden sich nach Pinkwart in eine Zeit des permanenten Wandels und häufigerer Krisen hineingeboren sehen, die sie meinen lösen zu können durch die Nutzung der besonderen Fähigkeiten der medialen Vernetzung.

Dagegen stünden die Hochschulen, die durch einseitige Anreizverträge und Rankingvorgaben nur noch sich selbst sähen und im Elfenbeinturm der Forschung Zuflucht suchten, statt ihre Forschungsergebnisse für Forschung und Lehre transparent und zugänglich zu machen. Die neuen digitalen Technologien würden von eben den Hochschulen eher als Bedrohung empfunden und deshalb nur parallel zu den vorhandenen Strukturen entwickelt, anstatt ihr Potenzial zur Weiterentwicklung der Disziplin in Forschung und Lehre zu nutzen.

Dabei würde die Digitalisierung gerade für die Betriebswirtschaftslehre ein erhebliches Potenzial an Forschungsmethoden und Lehrmethoden bergen. So würde die Nutzung von Big Data schnellere und aussagekräftigere empirische Erhebungen und die Simulation komplexer Modelle ermöglichen. „Flipped Learning“ – auf deutsch „umgedrehter Unterricht“, in dem die Lernenden die Lerninhalte als „Hausaufgabe“ zu Hause erarbeiten und die Schule ein Ort der Anwendung dieses gelernten Wissens ist, – als interaktives Medium könnte gezielt eingesetzt werden zu Wissensvermittlung und Kompetenzentwicklung außerhalb von Präsenzveranstaltungen. So könne innerhalb von Seminaren wieder zum eigentlichen forschenden Lernen zurückgekehrt werden.

Ein weiterer Fehler der Hochschulen sei es, die klassischen Lehrveranstaltungen möglichst kostengünstig durch die neuen digitalen Technologien zu ersetzen. Dabei sei mit den neuen digitalen Technologien eine deutliche didaktische Erweiterung im Studium insbesondere der Betriebswirtschaftslehre möglich. Ein Ersatz der klassischen Präsenzveranstaltungen seien die digitalen Technologien indes eben gerade nicht.

Herr Pinkwart wiederholt die bekannte Spaltung der Generationen in die drei Gruppen der „digital natives“, „digital immigrants“ und der „digital dinosaures“ – diesmal in den Unternehmen und in den Hochschulen. Gerade in dieser gesamten Umbruchsphase würde sich deshalb das forschende Lernen in Seminaren als sehr gute Plattform auch für „Reverse Mentoring“ („Alt lernt von jung“) und „Reverse Teaching“ (umgedrehter Unterricht, siehe oben) eignen sowie als gegenseitigem Transfer mit der Unternehmenspraxis.

Interessanterweise sieht Herr Pinkwart gerade in diesem forschenden Lernen in den Seminaren den Grund für die Aufwertung des deutschen Modells der lehrstuhlbezogenen Individualpromotion, die Pinkwart im Gegensatz zu vielen anderen Stimmen bezüglich des deutschen Promotionswesens glaubt erkannt zu haben. Die „Zweibahnstraße“ (Zit. Pinkwart 2015) des forschenden miteinander Lernens zwischen Hochschule und Unternehmen würde allen Promotionsbeteiligten, also den Hochschulen, den Unternehmen und den Doktoranden erhebliche Entwicklungsperspektiven öffnen, die ergänzt werden sollten durch strukturierte Programme und interdisziplinäre Forschungsgruppen.

Herr Pinkwart sieht die Betriebswirtschaftslehre weltweit in einem grundlegenden Wandel. Wieder einmal würden die US-amerikanischen Betriebswirtschaftler die Diskussion anführen. In typisch US-amerikanische Weise würden die US-Amerikaner aber vor allem nicht laut beklagen, was sie in der Vergangenheit selbst falsch gemacht haben. Vielmehr würden sie die Chancen des Neuen schnell erkennen und zur Fehlerkorrekturen nutzen. Dies sollte die deutsche Betriebswirtschaftslehre ebenfalls tun. Im Sinne Schmalenbachs solle die Entwicklung der deutschen Betriebswirtschaftslehre auch im digitalen Zeitalter in der Balance aus fachlicher Strenge und praktischer Relevanz bestehen.

Quelle:
Pinkwart, Andreas: Digitalisierung ist eine Chance für die Business Schools. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.03.2015, S 18.