Bologna negativ

Vor 15 Jahren beschlossen die EU-Mitgliedsstaaten die Bologna-Reform. Vergleichbarkeit der Abschlüsse, höhere Mobilität und kürzere Studienzeiten waren die Ziele. Das bisherige Ergebnis unter Einbeziehung von Aspekten, die damals nicht bedacht wurden, ist nicht gut.

Im Sommer 1999 war es soweit: Die Bologna-Reform sollte allen Menschen in der EU ermöglichen, in vergleichbaren Studiengängen möglichst überall in der EU studieren und mit diesen Hochschulabschlüssen dann auch qualifiziert arbeiten zu können – und dies in standardisierten und vor allem deutsche Verhältnisse betreffend kürzeren Studienzeiten. Aus Diplom, Magister und Staatsexamen wurde in Deutschland ab 2009 damit weitgehend Bachelor und Master.

Das Gesamtziel der Bologna-Reform ist nach 15 Jahren insgesamt (leider) nicht erfüllt. Warum?

Vergleichbarkeit und Berufsqualifikations-Akzeptanz

Wie Pilze aus dem Boden schossen und schießen Bachelor- und Masterstudiengänge, die nie ein Mensch zu vor gesehen hat. Zahlreiche Bachelor- und Masterabschlüsse sind der Bevölkerng und entscheidend den Unternehmern unbekannt. Der Fragmentierung oder Neuzusammensetzung ehemals homogener Diplom- und Magister sind kaum Grenzen gesetzt. Von einer Vergleichbarkeit der Studiengänge kann keine Rede sein.

Knapp 90 Prozent der Studiengänge sind mittlerweile auf Bachelor und Master umgestellt. Indes: Selbst im Nationalen Bildungsbericht steht auch 5 Jahre nach dieser Umstellung, man wisse wenig über die Akzeptanz des Bachelorabschlusses am Arbeitsmarkt. Und nur 23 Prozent aller Studenten halten den Bachelor für berufsqualifizierend, wie eine kürzliche Umfrage von Allensbach ergab. Auch eine qualifizierte Tätigkeit scheint zumindest mit dem Bachelor als auf dem Papier stehender erster berufsqualifizierender Studienabschluss weitgehend nicht möglich zu sein, von einer EU-weiten qualifizierten Tätigkeit einmal ganz zu schweigen.

Mobilität

Jeder zweite Student sollte nach den Bologna-Vorstellungen eigentlich einen Teil seines Studiums im Ausland verbringen. Davon sind deutsche Studenten weit entfernt. Die Blogna-Reform wirkt sich überhaupt nicht auf die Auslandsmobilität von Studenten aus, wie der DAAD kürzlich feststellte. Nur jeder dritte Student studiert auch im Ausland. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) fordert deshalb nunmehr sogar Pflicht-Auslandsaufenthalte in den Studienplänen. Der Wunsch von fertig Studierten, selbst nur im EU-Ausland tätig zu werden, dürfte damit ebenfalls alles andere als gefördert werden.

Studiendauer

Die Studiendauer ist tatsächlich verkürzt worden, von durchschnittlich 13,4 Semestern für ein Diplomstudium 1998 auf 10,8 Semester für ein Masterstudium 2012 bzw. 7 Semester für ein Bachelorstudium. Doch zu welchem Preis?

Was bei der Bologna-Reform nicht bedacht wurde

Verschulung
Von intrinsichem Lernen kann nach Aussage vieler Kritiker kaum mehr eine Rede sein an unseren heutigen Hochschulen. Der Bologna-Absolvent habe in den vollgepackten modularen Lehrplänen einen Kopf, aber keine Seele, heißt es. Der Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen, äußert hierzu: „In dem Maße, in dem akademische Lehre in der Bologna-Folge nicht mehr als forschendes Lernen konzipiert wird, sondern als berufliche Vermittlung von Wissen und Kompetenzen, droht hochschulische Forschung, vor allem in den Naturwissenschaften, wo es um teure Großforschung geht, aus den Hochschulen entfernt zu werden. Also bleibt nur List oder Subversion““ (Lenzen, zit. nach o.V. 2014).

Akademisierung der Gesellschaft
Heute gibt es mit 2,5 Millionen Studenten 50 Prozent mehr Studierende als 1999 (1,8 Millionen), und dies angesichts des demographischen Wandels. Die Hochschulen sind übervoll. Diese Öffnung akademischer Berufe, die Bologna mit dem „Leicht“-Studium Bachelor mit angestoßen hat, wird aktuell bald täglich in den Medien diskutiert. Wobei „leicht“ offenbar nur das Ansehen der Bachelorqualifikation charakterisiert, nicht das Bachelorstudium selbst. Dagegen fehlen jedes Jahr Zehntausende von Lehrlingen in von der Gesellschaft dringend benötigten Ausbildungsberufen. 100.0000 Studenten jährlich brechen Ihr Studium ab. Und als „Voll“-Studium gilt zunehmend erst der Masterabschluss.

Co-Quelle:
o. V.: Studium modulare. Eine kurze Bilanz von fünfzehn Jahren Bologna. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23./24.08.2014, S. C 3 (Campus).