Bologna in der Kritik

Die Zeitungen sind seit einem Tag voll davon: Die Bologna-Reform ist 10 Jahre nach ihrer Einführung angeblich gescheitert.
Die Bachelor-Studiengänge seien oft zu spezialisiert. Die Bachelor-Studienpläne seien zu voll. Eine sinnhafte akademische Ausbildung sei durch die extrem verschulten Bachelor-Studiengänge kaum mehr möglich. Auslandssemester seien so auch kaum mehr denkbar. Der Leistungsdruck innerhalb eines Bachelorstudiums habe zu einer Studienabbrecherquote von 35 Prozent an Universitäten geführt im Gegensatz zu 23 Prozent vor Einfühung der Bologna-Reform. Ein Beruf befähigender Hochschulabschluss sei der Bachelor auch nicht. Die meisten Bachelor-Studenten würden ohnehin das Masterstudium anstreben. Deshalb sei die angeblich geringe Arbeitslosenquote unter Bachelor-Inhabern Augenauswischerei, weil hier ohnehin kaum jemand dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe, sondern eben einen Master mache oder machen wolle. Doch es gäbe gar nicht genug Masterstudienplätze. Zum Beispiel in Chemie oder Physik dürften nur die Besten weitermachen. Ein Bachelor-Absolvent würde indes gar keinen qualifizierten Arbeitsplatz finden.
„Verschulung“, „bürokratische Überangepasstheit“, „Leistungspunktzählerei“, „ständiger Prüfungsmarathon“, „Bildung als Schnellbleiche“, fehlende persönliche Reife der Bachelor-Absolventen und gleichzeitig eine Akademikerflut, die den deutschen Unternehmen die dringend benötigten Facharbeiterqualifikationen abgrabe – das sind die Begrifflichkeiten, mit denen zum Beispiel der kurzer Artikel „Der Bologna-Boykott“ die erste Seite der FAZ von heute schmückt (heute im Internet unter http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/studienreform-der-bologna-boykott-11857113.html).
Das derlei Kritik in einem fast schon deliriös zu nennenden Ausmaß überschießend ist, ergibt sich aus den hier kurz und nicht vollständig zusammen gestellten Medienkritiken bezüglich dieses Themas der letzten 24 Stunden von selbst.
Zugegeben: Es ist nicht ersichtlich, warum ein Bachelor-Student z.B. in Literaturwissenschaften ein Referat halten, eine Klausur absolvieren und dann auch noch eine Seminararbeit schreiben soll – pro Studienmodul von zahlreichen Studienmodulen. Der durchschnittliche Zeitaufwand eines Bachelorstudenten beträgt je nach Fach zwischen 40 und 60 Stunden pro Woche. Das ist nicht wenig bis happig.
Nur: Im Berufsleben ist es auch nicht anders! Wer nach einem Hauptschulabschluss eine Lehre macht, ist 15-16 Jahre alt – und steht keinen Deut andes da, in eben diesem Lebensalter. Das ist das (Erwerbs)Leben in Deutschland – für Alle, die „was werden wollen“. Warum sollen Bachelorstudenten plötzlich abweichende Leistungskritierien genießen können und nur noch als „Opferlämmer“ stilisiert werden?

Und: Die tolle alte Bildungsschiene mit Diplom, Magister und Staatsexamen war für die allermeisten Menschen ein lebenslanges Gefängnis, aus dem die Wenigsten je wieder heraus kamen. Das schreibt niemand. Man wurde mit diesen alten Studiengängen „gemacht“, und wollte man je in seinem Leben einmal wieder etwas Anderes machen, dann ging das nur, indem man ganz von vorne anfing. Zurück auf „Los“. Wer konnte sich das leisten, finanziell, hinsichtlich der eigenen persönlichen Energie, hinsichtlich seiner Familie …? Heute steht mit dem Bachelor- und Masterstudium den meisten Menschen ihr gesamtes Leben lang Alles bezüglich Bildung und Berufswechsel offen! Die zahlreichen Masterstudiengänge als „zweites Studienmodul“ mit einem Zeitaufwand von lediglich einem Jahr bis zwei Jahren machen vorbehaltlich spezifischer Zugangsvoraussetzungen prinzipiell jeden Quereinstieg in jeden erdenklichen neuen Fachbereich möglich, landauf landab in vielen Fällen gar als Teilzeit-, Fern- oder gar Online-Studiengänge zu Hause am eigenen PC, und für einen durchschnittlich Verdienenden überwiegend auch bezahlbar. Kaum jemand muss hier je wieder zurück auf „Los“, weder aus finanziellen noch familiären noch sonstigen Gründen.
Die aktuelle Kritik an der Bologna-Reform ist teilweise vollkommen überspannt und nicht selten einfach dumm. Bologna ist die größte Befreiung der Menschen in Deutschland der letzten Jahrzehnte. Unsere Eltern und erst Recht unserer Großeltern, Knechte der angeblich so tollen alten Studienordnungen, würden sich im Grabe herum drehen, könnten sie von diesen heutigen unglaublichen akademischen Lebensgestaltungsmöglichkeiten noch erfahren.

Ghostwriter.nu unterstützt Studierende und Promovierende in diesem fantastischen akademischen Ausbildungsumfeld mit allen seinen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Harald Bahner