Bafög-Ausweitung ist alternativlos

Nicht nur die Lebenswirklichkeiten von Studenten, sondern die Lebenswirklichkeiten der meisten Menschen in Deutschland haben sich geändert. Der aktuelle Vorschlag einer Bafög-Ausweitung ist deshalb ein Muss.

Ende letzter Woche forderte die neue Bundesbildungsministerin Johanna Wanka eine Ausweitung des Bafögs. Die Altersgrenzen sollten erhöht werden und es sollte neue Regeln für das Teilzeitstudium geben, so Frau Wanka. Begründet wird dieser Vorstoß damit, das Bafög stärker an die veränderten Lebenswirklichkeiten von Studenten anzupassen; die Studentenschaft werde immer unterschiedlicher.

Das deutsche Studentenwerk setzte noch hinzu, der Regelsatz solle erhöht und das Bafög müsse besser mit dem Bologna-Prozess synchronisiert werden und in alle 47 Bologna-Staaten mitnahmefähig sein. Die rot-grüne Opposition kritisierte dieses geplante Vorhaben als unbezahlbar und angesichts der nahenden Bundestagswahl 2013 als Wahlkampfmanöver. Unter anderem die liberal-konservative „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ äußerte: „Wer mehr Bildung will, muss eben sparen, nebenher arbeiten oder einen Kredit aufnehmen.“ (Göbel 2013)

Diese rot-grün-liberal-konservative Ablehnung, das Bafög gemäß des Vorschlags der Bundesbildungsministerin Wanka auszuweiten, ist höchst irritierend. Nicht nur die Lebenswirklichkeit von Studenten hat sich geändert, sondern auch die Lebenswirklichkeit letztlich aller Menschen in Deutschland. Das Leben ist in den letzten 10 Jahren insbesondere durch das Aufkommen des Internets bedeutend internationaler geworden als früher. Bologna – Ersatz möglichst aller Studiengänge mit Bachelor und Master – wollte berechtigterweise die Studiengänge in ganz Europa und letztlich auch zwischen Europa und Nordamerika vergleichbar und gegenseitig anschlussfähig machen. Erstmals ist damit mit den sogenannten konsekutiven Master-Studiengängen eine einzigartige Bildungsfreiheit entstanden: Jeder kann heute seine Ausbildung bzw. Qualifikation wechseln, wenn er will oder muss. Die insbesondere in Deutschland, letztlich aber weltweite Überalterung der Bevölkerung sorgt vielleicht nicht im armen Berlin, aber im reichen, innovativen und prosperierenden Süden Deutschlands für teilweise dramatischen Fachkräftemangel. Die mangelnden Qualifikationsprofile können hierbei durchaus als hinreichend volatil betrachtet werden, je nach weiterer Entwicklung der deutschen und Welt-Wirtschaft.

Es gibt wenigstens mittelfristig gar keine andere Wahl, als das Bafög im Sinne dieser neuesten Vorschläge auszuweiten. Der eine Beruf lebenslang, womöglich noch bei demselben Arbeitgeber, ebenfalls lebenslang, ist schon lange passé. Die Anforderungen einer Erwerbsperson müssen, über die gesamte Lebensspanne hinweg betrachtet, heute als multipel angesehen werden. Die Möglichkeit eines Ausbildungs- und/oder Qualifikationswechsels sind als notwendig anzusehen, sowohl für den einzelnen als auch für das Gemeinwesen. Nur die Kostenseite einer jetzigen Bafög-Ausweitung zu sehen ist äußerst kurzsichtig; die Kosten einer Nichtausweitung des Bafögs wären womöglich die künftigen Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfänger, die künftig unzureichend oder nicht mehr zeitgemäß ausgebildet sind. Wie angesichts der Tatsache, dass ein deutscher Erwerbstätiger durchschnittlich 1.600 Euro pro Monat verdient und davon vernünftigerweise 10 Prozent für Unerwartetes sparen soll, das heißt 160 Euro pro Monat, jemals ein dreijähriges Bachelorstudium oder ein zwei- bis vierjähriges Masterstudium bezahlen soll, bleibt das

Geheimnis derjenigen, die meinen, dann müsse die betreffende Person eben sparen. Weiterhin dürfte auch großen Zeitungsredaktionen nicht verborgen geblieben sein, dass man heutzutage neben dem Studium nicht mehr arbeiten kann, will man die Regelstudienzeit einhalten. Und die Kreditwürdigkeit eines durchschnittlich Verdienenden in Höhe von Zehntausenden von Euro, die eine akademische Ausbildung nun einmal kostet, ist augenfällig reichlich begrenzt. Ein aktuelles Beispiel: Die Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie in Aschaffenburg bietet derzeit einen neuen Studiengang in Betriebswirtschaftslehre auch ohne Abitur an, die Semestergebühren belaufen sich auf 480 Euro pro Monat. Das sind knapp 40.000 Euro für diesen Studiengang, unterstellt man durchschnittliche studentische Lebenshaltungskosten von ca. 600 Euro pro Monat. Ein durchschnittlich Verdienender muss hier genau 20 Jahre seine 160 Euro pro Monat sparen. Die Waschmaschine darf in diesen 20 Jahren nicht kaputt gehen, sonst ist gleich wieder ein Teil des Ersparten weg. Eine Familie zu haben zum Zeitpunkt dieser Studienaufnahme ist auch nicht möglich. Und die 600 Euro pro Monat studentische Lebenshaltungskosten reichen auch nur, wenn man in den drei Jahren dieses Studiums nirgendwohin fährt und nichts anderes sieht als seine Studentenbude und die Hochschule.

Es gibt gar keine andere Wahl, als das Bafög im derzeit diskutierten Sinne auszuweiten. Sowohl das Individuum als auch der Staat haben hiervon nur Vorteile. In den Wirtschaftswissenschaften nennt man das eine Win-Win-Situation.

Studenten-Bafög wird zur Hälfte als nicht rückzahlbarer Zuschuss und zur Hälfte als rückzuzahlendes Darlehen gewährt. Die Altersgrenze für Bafög liegt derzeit bei 35 Jahren, der Höchstsatz beträgt 670 Euro pro Monat. Im Jahr 2011 bezogen 963.000 Studenten und Schüler Bafög, fünf Prozent mehr als 2010. Die Gesamtausgaben des Staates betrugen im Jahr 2011 3,2 Mrd. Euro und damit 11 Prozent mehr als 2010. Bund und Länder teilen sich diese Kosten im Verhältnis 65:35. Bis zum Studienabschluss zum 31.12.2012 wurde ein Teilerlass bei der Rückzahlung bis zu 25 Prozent gewährt, wenn die Abschlussprüfung besonders gut oder die Ausbildung vor der Regelstudienzeit abgeschlossen wurden.

Die Autoren und Ghostwriter von Ghostwriter.nu unterstützen diese neuesten Bafög-Vorschläge ausdrücklich.

Harald Bahner

Göbel, Heike (2003): “Verwöhnte Studenten”. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16.03.2013, S. 11.