Doktoranden der Tiermedizin arbeiten an Universitäten in Vollzeit – und verdienen nichts!

Seit Jah­ren arbei­ten Dok­to­ran­den der Tier­me­di­zin in Klein­tier­kli­ni­ken an Uni­ver­si­tä­ten in Voll­zeit und dar­über hin­aus und erhal­ten kein Gehalt. Kürz­lich ist das Gan­ze publik gemacht wor­den. Ande­re Fach­be­rei­che sind jedoch auch nicht bes­ser. Skiz­ze eines Skandals!

(Ghost­wri­ter.nu) An der Klein­tier­kli­nik der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät (LMU) Mün­chen arbei­te­ten bis vor kur­zem pro­mo­vie­ren­de Tier­me­di­zi­ner von mor­gens um acht bis abends um sechs. Ihre Tätig­keit bestand in einem Voll­zeit­job als prak­ti­sche Tier­ärz­te. Offi­zi­el­le Pau­sen gab es nicht, dafür aber Nacht- oder Wochen­end­diens­te. In den schrift­li­chen Arbeits­ver­trä­gen stand, dass sie nur weni­ge Stun­den im Monat zur Ver­fü­gung ste­hen müss­ten, die nur münd­lich kom­mu­ni­zier­te Bedin­gung, um über­haupt an die­ser Kli­nik als Vete­ri­när­me­di­zi­ner arbei­ten zu dür­fen, bestand jedoch dar­in stän­dig ver­füg­bar sein zum müs­sen. Von Sei­ten der Kli­nik wur­de die­se Tätig­keit als kei­ne ech­te Arbeit, Rou­ti­ne­tä­tig­keit und Aus- und Wei­ter­bil­dung dekla­riert. Der Monats­ver­dienst für die­se in Voll­zeit­tä­tig­keit als qua­li­fi­zier­te Tier­ärz­te Pro­mo­vie­ren­den: 10,- Euro im Monat; ein paar beka­men 400–450 EUR pro Monat.

Her­aus kam die­ses rei­ne Aus­beu­tungs­ver­hält­nis durch den anony­men Brief eines Betrof­fe­nen. Der hat­te sich auch gleich den rich­ti­gen Zeit­punkt für sei­nen Brief aus­ge­sucht, näm­lich den der Dis­kus­si­on über das neue Min­dest­lohn­ge­setz. Die Reso­nanz in den Medi­en und der Poli­tik war ent­spre­chend erfolgreich.

Die Hoch­schul­lei­tung der LMU, aber auch der Dekan der Mün­che­ner vete­ri­när­me­di­zi­ni­schen Fakul­tät mach­ten auf doof, indem sie die gesam­te Ange­le­gen­heit prüf­ten und sich über­rascht gaben, dass der anony­me Brie­fe­schrei­ber nur Wah­res geäu­ßert hät­te. Es wur­de dann ver­ein­bart, dass die LMU ihren Dok­to­ran­den der Vete­ri­när­me­di­zin an die­ser Tier­kli­nik direkt 15 € pro Stun­de zah­len wür­den. Das war im Mai 2015, d.h. gera­de ein­mal vor sechs Wochen. Auf Dau­er soll jedoch die Klein­tier­kli­nik ihre Dok­to­ran­den selbst bezahlen.

Nach Öffent­lich­ma­chung die­ser Ver­hält­nis­se in Mün­chen kam her­aus, dass es an der Uni­ver­si­täts­klein­tier­kli­nik in Leip­zig auch nicht anders aussieht.

Abge­se­hen von die­ser Aus­beu­tung qua­li­fi­zier­ter Hoch­schul­kräf­te, die extre­mer kaum vor­stell­bar ist, wird seit­her die sozia­le Selek­ti­on bei Hoch­schul­kar­rie­ren die­ses Berufs­stan­des der Tier­me­di­zi­ner dis­ku­tiert und ange­pran­gert. Denn: Eine Erwerbs­ar­beit neben der beschrie­be­nen Kli­nik­ar­beit ist selbst ver­ständ­lich unmög­lich. In bezeich­ne­tem Rah­men konn­te nur pro­mo­vie­ren, wer auf eige­ne Ein­künf­te nicht ange­wie­sen war. Und das geht wohl nur, wenn man ordent­lich geerbt oder rei­che Eltern hat.

Wer sich fragt, war­um jun­ge Dok­to­ran­den sich so etwas über­haupt antun, kommt schnell dar­auf, dass es bei die­sem Aus­beu­tungs­ver­hält­nis nicht nur dar­um geht, einen Dok­tor­ti­tel zu erwer­ben. In der Tier­me­di­zin gibt es noch die Spe­zia­li­tät des soge­nann­ten „Diplo­ma­te“ – genau: „Diplo­ma­te of Euro­pean Col­le­ge“ -, mit dem man sich euro­pa­weit zu einem aner­kann­ten Spe­zia­lis­ten in der Tier­me­di­zin wei­ter­bil­den kann. Um die­se Qua­li­fi­ka­ti­on zu errei­chen, ist jedoch eben qua­li­fi­zier­te Wei­ter­bil­dungs­zeit not­wen­dig, und die erhält man ins­be­son­de­re auch in Uni­ver­si­täts­tier­kli­ni­ken. Die­ser „Diplo­ma­te“ in Vete­ri­när­me­di­zin wur­de 1991 in Euro­pa eta­bliert (hier kon­kret im Unter­fach­be­reich Vete­ri­när­chir­ur­gie). Mitt­ler­wei­le wird ein sol­cher „Diplomate“-Titel teil­wei­se schon aus­drück­lich gefor­dert, wenn man sich als Tier­me­di­zi­ner für eine Pro­fes­sur bewer­ben will. Das Bestehen eines sol­chen zen­tra­len „Diplomate“-Examens gilt als äußerst schwie­rig. 50 % aller Kan­di­da­ten fal­len bei der ers­ten Prü­fung durch.

Das nach einem jah­re­lan­gen Leben in einem sol­chen Abgrund nie­mand mehr, der einen sol­chen „Diplo­ma­ten“ und dann die Pro­mo­ti­on in der Tasche hat, sich noch für Wis­sen­schaft, Hoch­schu­le und Hoch­schul­kar­rie­re in Deutsch­land inter­es­siert, ist selbst­ver­ständ­lich. Wer nicht gleich schon im Rah­men die­ses „Diplomate“-Weiterbildungsstudiums in die USA oder Kana­da geflüch­tet ist, wo er für die­se Wei­ter­bil­dungs­zeit ca. 20.000 $ Jah­res­ge­halt bekommt und damit wenigs­tens eini­ger­ma­ßen exis­tie­ren kann – und dann am bes­ten gleich in Nord­ame­ri­ka bleibt –, der wird auf jeden Fall kein Pro­fes­sor in Deutsch­land, und ein ordent­lich habi­li­tier­ter erst recht nicht. 70 Jah­re alt ist zum Bei­spiel der Lehr­stuhl­in­ha­ber der Klein­tier­chir­ur­gie und an der FU Ber­lin, Leo Brunn­berg. Und er fin­det kei­nen Nach­fol­ger für sei­nen Lehrstuhl.

Die­ses Bei­spiel im Fach­be­reich Tier­me­di­zin mag erschüt­tern. Stellt man sich die Fra­ge, wie es denn in ande­ren Fach­be­rei­chen inner­halb der Uni­ver­si­täts­land­schaft bestellt ist, gelangt man jedoch schnell zu ähn­li­chen untrag­ba­ren, ja eigent­lich kri­mi­nel­len Ver­hält­nis­sen. Die­se Ver­hält­nis­se sind auch noch alt. So war es in den 1990er Jah­ren auch üblich, dass frisch­ge­ba­cke­ne Hoch­schul­ab­sol­ven­ten und auch fer­tig Pro­mo­vier­te bei­spiels­wei­se in den Geis­tes- oder Sozi­al­wis­sen­schaf­ten umsonst an Hoch­schu­len gelehrt haben – nur ihrer künf­ti­gen Hoch­schul­kar­rie­re zulie­be, ver­steht sich. Das ändert sich erst jetzt, ein Vier­tel Jahr­hun­dert spä­ter, mit Ein­füh­rung des Min­dest­lohns, dies aber bis heu­te teil­wei­se eben auch nur auf Niveau eben die­ses Mindestlohns.

Wer so respekt­los und miss­ach­tend, ja ver­ach­tend gegen­über den bes­ten Köp­fen eines Lan­des agiert, darf sich nicht wun­dern, wenn das Niveau und die all­ge­mei­ne Aner­ken­nung der Wis­sen­schaft und der Hoch­schu­len im eige­nen Land ero­diert – und zum Bei­spiel die Bran­che der aka­de­mi­schen Ghost­wri­ter boomt. Das ist aber eben wie­der nur etwas für finan­zi­ell Bessergestellte.