Art Science“?

Am letz­ten Wochen­en­de fand das „Sta­te Fes­ti­val“ in Ber­lin statt. Die Kunst­sze­ne und die Wis­sen­schafts­sze­ne sol­len in ihrem jeweils spe­zi­fi­schen Den­ken eine drit­te, bes­se­re Kul­tur her­vor­brin­gen. Eine Skiz­ze die­ses Vorhabens.

Letz­tes Wochen­en­de war am Ber­li­ner Alex­an­der­platz eini­ges los. Das ist zwar immer so. Dies­mal gab es indes angeb­lich etwas Beson­de­res. Das „Sta­te Fes­ti­val of Time“, das ers­te sei­ner Art, ver­such­te als Wis­sen­schafts­fes­ti­val die „expres­si­ve Krea­ti­vi­tät“ von Kunst und Musikals Vehi­kel“ für das eige­ne Den­ken und für die For­schungs­kom­mu­ni­ka­ti­on näher zu unter­su­chen. Im Klar­text: Wis­sen­schafts­sze­ne und Kunst­sze­ne sol­len zusam­men­kom­men, um eine Art drit­te Kul­tur zu bil­den. Die Vor­stel­lung ist, dass eine sol­che drit­te Kul­tur als die bes­se­re der ande­ren bei­den ein Maxi­mum an Den­ken, Krea­ti­vi­tät und damit prak­ti­schen Lösun­gen her­vor­brin­gen könn­te. Es geht also um Fort­schritt durch Begeg­nung und krea­ti­ve Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Wis­sen­schaft und Kunst/Kultur.

Die­se Idee ist schon ziem­lich alt. Letzt­lich sind die grie­chi­schen Phi­lo­so­phen Pla­ton und mehr noch Aris­to­te­les die Ver­kör­pe­rung einer sol­chen Idee der Denk- und Gefühls­ku­mu­la­ti­on. Bei den alten Grie­chen, ja bis hin­ein in die Auf­klä­rung noch im 19. Jahr­hun­dert war es kei­nes­falls selbst­ver­ständ­lich, Wis­sen­schaf­ten und Kunst getrennt zu betrach­ten. Die­je­ni­gen Per­so­nen, die wir bis ins 19. Jahr­hun­dert hin­ein als Phi­lo­so­phen bezeich­nen, waren fast immer auch her­aus­ra­gen­de (Natur)Wissenschaftler oder Mathe­ma­ti­ker. Auch Goe­thes Faust geht an die­ser Zwei­tei­lung von Wis­sen-Schaft und (emo­tio­na­ler Kunst-)Schönheit zu Grun­de. Erst mit der Indus­tria­li­sie­rung, und damit mit einer Aus­dif­fe­ren­zie­rung und zuneh­men­den Kom­ple­xi­tät nicht nur der Wis­sen­schaf­ten ver­sus der Kunst und Kul­tur, son­dern auch der ein­zel­nen wis­sen­schaft­li­chen Fach­be­rei­che, trenn­ten sich die Vor­ge­hens­wei­sen bei den Wis­sen­schaf­ten und in der Kunst. Die­se Tren­nung stör­te ins­be­son­de­re die Natur­wis­sen­schaft­ler zuneh­mend. Mit das berühm­tes­te Bei­spiel, einen Wie­der­ver­ei­ni­gungs­an­satz zu ver­su­chen, ist Albert Ein­stein und sei­ne Wis­sen­schafts­theo­rie: Natur­be­trach­tun­gen sei nur mög­lich, indem die Wir­kun­gen und Wirk­ge­set­ze der Natur­phä­no­me­ne vor­ge­stellt wür­den; wür­den die Gegen­stän­de der Natur­be­trach­tun­gen zer­stört, um die in ihnen sich befind­li­chen oder dahin­ter ste­hen­den Wir­kun­gen und Wirk­ge­set­ze erken­nen zu wol­len, wür­den auch die­se Wir­kun­gen und Wirk­ge­set­ze zer­stört und damit nur tum­be, jedoch kei­ne tie­fe­re Erkennt­nis mög­lich. Albert Ein­stein brach­te hier­zu ein plas­ti­sches Bei­spiel: wenn man wis­sen wol­le, wie eine Taschen­uhr funk­tio­nie­re, müs­se man sich die Inne­rei­en die­ser Taschen­uhr vor­stel­len und dann nach­bau­en. Phan­ta­sie und Krea­ti­vi­tät sei­en also gefragt. Man bekä­me so aber nie die Inne­rei­en der Ori­gi­nal-Taschen­uhr tat­säch­lich zu Gesicht. Wür­de man die Ori­gi­nal-Taschen­uhr zer­trüm­mern, um zu sehen wie, sie innen genau auf­ge­baut wäre, wür­de sie nicht mehr funk­tio­nie­ren und man kön­ne den Grund ihres Lebens, ihres Lau­fen, nicht mehr her­aus­fin­den . Auf­grund viel­fäl­ti­ger neu­er wis­sen­schaft­li­cher Metho­den und Werk­zeu­ge ist die Gren­ze die­ses Dik­tums erheb­lich aus­ge­wei­tet wor­den, im Kern trifft sie aber bis heu­te zu.

Art Sci­ence“ nennt der eng­lisch­spra­chi­ge Raum den Ver­such, wis­sen­schaft­li­ches und künst­le­ri­sches Den­ken zu einer drit­ten Kul­tur zusam­men­zu­brin­gen. So hat der New Yor­ker Buch­agent John Brock­man eine Mann­schaft sehr popu­lä­rer Wis­sen­schafts­au­to­ren zusam­men gesam­melt, die inter­kul­tu­rel­les Den­ken for­cie­ren. John Gor­man, Chef der „Sci­ence Gal­le­ry“ in Dub­lin sieht in die­ser „Art Sci­ence“ als drit­ten Kul­tur bereits eine welt­wei­te Bewe­gung. Zusam­men mit ande­ren Wis­sen­schafts­ma­na­gern , Insti­tu­tio­nen, Künst­lern und Desi­gnern ist er gera­de dabei, ein neues

Ziel­pu­bli­kum für eine neue Wis­sen­schafts­kom­mu­ni­ka­ti­on zu fin­den. Es geht Gor­man also um eine Ver­po­pu­la­ri­sie­rung teils kom­pli­zier­ter und kom­ple­xer (natur)wissenschaftlicher Fak­ten und Zusam­men­hän­ge unter Rück­ein­be­zug emo­tio­na­ler und krea­ti­ver Rück­mel­dun­gen der Wis­sen­schafts­kon­su­men­ten zur fort­wäh­ren­den Ver­bes­se­rung wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se. Das Publi­kum, das Gor­man errei­chen will, ist jung, ab einem Alter von 15 Jah­ren wird es ver­sucht anzu­spre­chen. In Lon­don soll im Jahr 2016 eine wei­te­re „Sci­ence Gal­le­ry“ eröff­net wer­den, sechs wei­te­re sind geplant, unter ande­rem in Mel­bourne und New York.

Wenn die Wis­sen­schaft vom Öko­no­mi­schen affi­ziert sei, war­um soll­te sie dann nicht auch für das Künst­le­ri­sche affi­ziert sein oder wer­den, ist die Grund­über­le­gung des Gan­zen. Die Kunst soll für die Wis­sen­schaft nutz­bar gemacht wer­den. Und genau damit ist aber auch die Macht­fra­ge gestellt. Wer nutzt wem? Wer beherrscht wen? Cars­ten Hucho und Chris­ti­an Rauch sind die bei­den Orga­ni­sa­to­ren die­ses Fes­ti­vals gewe­sen und Phy­si­ker für Fest­kör­per­elek­tro­nik. Für sie ist die Hier­ar­chie des­halb klar: Die wis­sen­schaft­li­che Metho­de muss als erfolg­rei­cher Teil unse­rer Kul­tur akzep­tiert wer­den, im Zwei­fel auch gegen­über der Kunst mit ihren stär­ker emo­tio­na­len Zugän­gen. Dage­gen wur­de auf die­sem Fes­ti­val gleich gehal­ten, dass die­se (Wissenschafts)iScht an sich schon eli­tär sei und im Gegen­teil mit Kunst alter­na­ti­ve Kon­zep­te auf­ge­zeigt wer­den kön­nen, Frei­heit gelebt wer­den kann, und letzt­lich kann die Kunst mit Wis­sen­schaft spielen.

Was für ein Ver­such das wer­den soll, eine angeb­lich drit­te Kul­tur her­vor­zu­brin­gen, bleibt reich­lich schlei­er­haft. Denn natür­lich bleibt die Geschich­te des Ver­suchs das Emo­tio­na­le, die Ahnung, den Instinkt und das mathe­ma­tisch-wis­sen­schaft­li­che Den­ken zusam­men zu brin­gen, nicht bei Albert Ein­stein halt, der 1955 gestor­ben ist. Die gesam­te Dis­kus­si­on um die Moder­ne ver­sus der Post­mo­der­ne, das bald die gesam­te zwei­te Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts gedau­ert hat, die gesam­te Dis­kus­si­on um das Ratio­nal-Öko­no­misch-Tech­ni­sche ver­sus das Irra­tio­nal-Eso­te­ri­sche, die bis heu­te nicht been­det ist, scheint wie nicht vor­han­den zu sein in die­ser „Art Sci­ence“-Bewe­gung.

Eine reich­lich schrä­ge Sache scheint die­se gan­ze angeb­lich drit­te Kul­tur damit zu sein. Da nutzt auch nichts, dass das deut­sche Bun­des­for­schungs­mi­nis­te­ri­um die­ses „Sta­te Fes­ti­val of Time“ mit­fi­nan­ziert hat.

Ideen­ge­ber zu die­sen News:
Mül­ler-Jung, Joa­chim: Wenn die Gala­xi­en der Krea­ti­vi­tät kol­li­die­ren. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 05.11.2014, S. N 1 (Natur und Wissenschaft).