Akademisierung macht arm?

Je geringer die Anforderungen an eine Hochschulzugangsberechtigung und das Studium, umso höher ist die Jugendarbeitslosigkeit und das Volkseinkommen fällt. Das zumindest postuliert der Bildungsforscher Rainer Bölling – und überzeugt mit harten Zahlen.

Dass das allgemeine Niveau in der Schulbildung in den letzten Jahren stetig falle, nur damit immer mehr Menschen immer höhere Schul-und damit auch Berufsbildungen erreichen können, also eine Entwertung von Bildungsniveau und -standards, wird schon seit längerem diskutiert.

Nunmehr hat der Bildungsforscher Rainer Bölling in einem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von heute einen interessanten Ist-Zustand von tatsächlicher Kompetenz und Schulabschluss formuliert, den er mit harten Zahlen unterlegt und der lautet: „Je höher die Abiturientenquote, desto höher die Jugendarbeitslosigkeit und desto niedriger das Volkseinkommen“ (zit. Bölling 2014). Das ist das Gegenteil dessen, was die OECD als „Dogma aktueller Bildungspolitik“ (zit. ebd.) schon seit geraumer Zeit formuliert und das nach Worten Böllings lautet: „Wer studiert hat, könne ein höheres Einkommen erwarten, sei besser vor Arbeitslosigkeit geschützt, lebe infolge höherer Bildung gesünder und trage mit all dem zu einem höheren Volkseinkommen bei“ (zit. ebd.).

Woher kommt’s, dass genau das Gegenteil eintrete?

Im Wesentlichen geht es offensichtlich um in der Qualität nicht vergleichbare Schulbildungsabschlüsse und um Vergleiche von Äpfeln mit Birnen, also um eine unwissenschaftliche Herangehensweise der OECD. An erster Stelle steht nach Bölling, dass die Zahlen der OECD-Statistiken alle Abschlüsse der Sekundarstufe II beinhalten, auch solche, die gar nicht zum Zugang zu einer Hochschule berechtigen. Darüber hinaus seien die Zahlen der OECD lückenhaft und durch ungeklärte Doppelzählungen verwirrend. Um ein realistisches Abbild der Wirklichkeit zu erhalten, müsse man deshalb doch auf die jeweiligen nationalen Ministerien und Statistikämter zurückgreifen. Des weiteren würde die OECD in ihre selbst entwickelten Kompetenzstufen letztlich selbst nicht differenzieren, sondern von der Kompetenzstufe zwei als ihr eigenes Basisniveau bis zur Kompetenzstufe sechs, dem selbst definierten höchsten Niveau, alle Kompetenzstufen zusammen werfen. Allein damit ist eine qualitative Differenzierung von Schulabschlüssen und damit Bildung im internationalen Vergleich nicht möglich.

Erstes Problem ist, wenn man die nationalen Ministerien und Statistikämter allein in der EU befragt, dass es in England überhaupt keine allgemeine Hochschulreife gibt und damit auch keine entsprechenden Zahlen, weder absolut noch qualitativ relativ. Britische Universitäten können über die Zulassung ihrer Studienbewerber autonom entscheiden.

Nächster Punkt ist, dass die OECD mit ihren Pisa-Studien wohl auf die drei Kompetenzbereiche Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften fokussiert. Ob die Pisa-Schüler eine Fremdsprache lernen oder gar mehrere, ob sie Kenntnisse in Philosophie oder Literatur haben, in Geschichte, Politik, Kunst oder Musik – also Bereiche, die traditionell zur Allgemeinbildung gehören -, derlei fragen die Pisa-Studien nicht ab und haben das auch noch nie getan.

Das tatsächliche Resultat?

In Frankreich propagierte der sozialistische Minister Chèvenement schon 19 85, 80 % aller Schüler sollten das französische Abitur haben, das sogenannte Baccalauréat (abgekürzt Bac). Heute liegt die Abiturientenquote bei 74 % – und ist zum Beispiel mit Deutschland insgesamt nicht vergleichbar. Denn das „bac géneral“ (dt. allgemeines Abitur) ist vergleichbar mit der allgemeinen Hochschulreife in Deutschland und wird in beiden Ländern von etwa 37 % aller Schüler absolviert. Das bereits 1969 eingeführte „bac téchnologique“ (dt. technisches Abitur) ist in Deutschland mit der Fachhochschulreife vergleichbar; in beiden Ländern wird es ebenfalls von derselben Schülerquote erreicht, nämlich von jeweils 16 %. Hinzu kommt in Frankreich indes das „bac professionel“ (dt. berufliches Abitur), das eher als Fachschule mit geringen Praxisanteilen zu einer beruflichen Ausbildung wie Bäcker, Metzger oder Kfz-Mechaniker führt – also eher einer deutschen Berufsschule vergleichbar ist -, allerdings im Gegensatz zu deutschen Berufsschulen in Frankreich zu einem unbeschränkten Hochschulzugang berechtigt. Resultat ist, dass bereits im ersten Studienjahr an den Hochschulen rigide Auslesen stattfinden – Anmerkung vom Verfasser dieses Artikels: Das war in Frankreich schon immer so -, die tatsächlich dann fast alle Absolventen des beruflichen „bac“ treffen, aber auch viele andere französischen Abiturienten. „Abitur“ oder „Hochschulreife“ ist also eben nicht dasselbe wie Abitur und Hochschulreife.

Diese qualitative Auslese geht trotz der hehren Schulabschlusstitulierungen und weitreichenden Hochschulzugangsberechtigungen im Ökonomischen weiter. Die französische Bildungssoziologin Marie Duru-Bellat habe schon vor acht Jahren keine Ursache-Wirkung-Relation zwischen der Ausdehnung des Schulbesuchs auf der einen und sowohl volkswirtschaftlichem als auch individualwirtschaftlichem Wachstum auf der anderen Seite finden können, so Bildungsforscher Bölling weiter. Im Gegenteil sei die Verlängerung der Ausbildung in Frankreich in den siebziger Jahren mit steigender Jugendarbeitslosigkeit einhergegangen. Das habe sich bis heute nicht geändert: Die Erwerbslosigkeit der 15-bis 24-Jährigen liege in Frankreich meist über 20 % und damit zweieinhalb Mal so hoch wie in Deutschland.

In Italien ist allen Absolventen der Sekundarstufe II schon 1969 die Hochschulreife zuerkannt worden. Gleichzeitig wurden die Prüfungsanforderungen gesenkt. So kam es zu einer Abiturientenquote in Italien von 50 % schon 1992. Drei Viertel eines Schuljahrgangs erhalten so in Italien seit 1969 die Studienberechtigung. Demgegenüber stehen die Pisa-Ergebnisse, die lediglich ein Viertel an leistungsstarken Schülern in Italien zählen. Wohl deshalb, weil die Schule eben nicht hin zu einer tatsächlichen Hochschulzugangsberechtigung führt, sondern nur zu einer auf dem Papier, ist die Aufnahme des Studiums in Italien rückläufig und beträgt nur noch ca. 66 % gegenüber 80 % vor 20 Jahren. So qualitativ ausgestattete Hochschulzugangsberechtigte können ganz offensichtlich die Hochschulanforderungen nicht bewältigen: Wie in Deutschland brechen in Italien etwa 30 % ihr Bachelor Studium nach vier Jahren ab. Allerdings erreichen im krassen Gegensatz zu Deutschland erst die Hälfte aller Bachelor Studenten nach sage und schreibe sechs Jahren ihren Abschluss; die Regelstudienzeit liegt bei drei Jahren. Ein Anteil an diesem breiten Akademiker-Scheitern hat offenbar indes auch die anhaltend hohe Akademikerarbeitslosigkeit in Italien. Betrug diese vor der Eurokrise zwischen 20 und 24 %, liegt sie heute bei erschütternden 40 %. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich hier die Katze nicht selbst in den Schwanz beißt: Was war angesichts der Tatsache, dass dieses qualitativ inflationäre Bildungssystem in Italien bereits seit bald einem halben Jahrhundert herrscht, zuerst da: eine hohe Akademikerarbeitslosigkeit oder schlecht ausgebildete Akademiker, die niemand braucht?

Noch schlechter sieht es tatsächlich in den USA aus. 70 % eines Jahrgangs beginnen zwar an den dortigen Colleges ein Studium. Im Alter von 25 Jahren haben aber tatsächlich nur etwa die Hälfte einen Abschluss erreicht. Und von diesen, die einen Abschluss erreicht haben ist wiederum die Hälfte arbeitslos oder arbeitet in Jobs, die für sie eigentlich überqualifiziert sind. Einmal genau berechnet, haben also von 100 jungen Menschen in den USA, von denen 70 ein Hochschulstudium begonnen haben, im Alter von 25 Jahren 18 eine ausbildungsadäquate Arbeit. 52 von diesen 100 jungen Menschen und damit mehr als die Hälfte sind mit 25 Jahren schon unter den akademischen Rost gefallen oder ihre akademische Zukunft ist ungeklärt.

Der gesamte deutschsprachige Raum steht in diesen Hinsichten unvergleichlich besser dar. Die Quoten sowohl an Hochschulzugangsberechtigungen als auch der Jugendarbeitslosigkeit in Österreich, der Schweiz und Deutschland ist im bisher skizzierten OECD-Vergleich niedrig. Das Pro-Kopf-Einkommen junger Menschen bis 25 ist aber deutlich höher. Maßgeblich prägte diese Tatsache bisher vor allem das duale Ausbildungssystem mit seiner Berufsausbildung und die bisher noch weitgehende erhaltene (Schul)Ausbildungsqualität.

Noch.

Quelle dieser News:
Bölling, Rainer: Viele Abiturienten mit wenig Bildung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.12.2014, S. 8.