Zur Aberkennung des Doktortitels

Bis vor einem halben Jahr konnte in Deutschland durch einen unwürdigen Lebenswandel der Doktorgrad entzogen werden. Teilweise gilt das bis heute. Die wenigsten wissen das.

Vor etwas mehr als einem halben Jahr, im September 2014, war der zehnjährige Kampf des Physikers Jan Hendrik Schön um den Entzug seines Doktortitels beendet: Das Bundesverfassungsgericht nahm seine Verfassungsbeschwerde nicht an. Davor hatte das Verwaltungsgericht in Freiburg im Breisgau entschieden, dass der Entzug des Doktortitels in diesem Fall nicht rechtens sei; der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim hatte daraufhin entschieden, dass dieser Entzug rechtens sei; und das Bundesverwaltungsgericht hatte daraufhin ebenfalls entschieden, dass der Entzug der Doktorwürde in diesem Fall rechtens sei.

Das Besondere des Falls Jan Hendrik Schön ist, dass damit ein Paradigmenwechsel hinsichtlich des Entzugs eines Doktortitels in Deutschland einherging. Erst seit dem Urteil des Bundesverwaltungsgericht von Juli 2013 in diesem Fall ist geklärt, dass der Begriff der Unwürdigkeit nicht mehr auf die Lebensführung eines Doktortitelträgers bezogen werden darf, sondern nur in Bezug auf Wissenschaftlichkeit. Nichtsdestotrotz steht die Definition der Unwürdigkeit, die sich auf die gesamte Lebensführung eines Doktortitelträgers bezieht, bis heute in den Hochschulgesetzen mehrerer Bundesländer.

Das Verwaltungsgericht Freiburg im Breisgau bezog sich im Fall des Physikers schön noch im Jahr 2010 auf die bis dahin herrschende Rechtsprechung, dass ein Doktortitel nur entzogen werden dürfe, wenn die Gesamtumstände und Lebensverhältnisse eines Doktortitelträgers unwürdig seien. Eben diese Gesamtunwürdigkeit sei dem Physiker Schön von der Universität Konstanz, die Herrn Schön bereits 2004 den Doktortitel entzogen hatte, jedoch gar nicht vorgeworfen worden. Die nur wissenschaftsbezogene Auslegung des Begriffs der Unwürdigkeit sei, so das Verwaltungsgericht Freiburg im Breisgau weiter, nicht zulässig.

Der Begriff der Unwürdigkeit im umfassenden Sinne stammt bezeichnenderweise aus dem Jahr 1939. In einem Reichsgesetz über die Führung akademischer Grade konnte ein akademischer Grad wieder entzogen werden, wenn sich der Inhaber des Titels durch sein späteres Verhalten der Führung eines akademischen Grades als unwürdig erwiesen hatte. 1949 galt dieses Gesetz in der Bundesrepublik Deutschland weiterhin fort, hier indes als Landesrecht, nicht als Bundesrecht, wurde inzwischen jedoch von allen Bundesländern aufgehoben. Das hat einige Bundesländer indes nicht daran gehindert, diese Regelung in ihre Hochschulgesetze zu verschieben. Insbesondere eine strafrechtliche Verurteilung war bisher immer ein Grund gewesen, das Tragen eines Doktortitels als unwürdig anzusehen.

Erstmals in Deutschland hat der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim erst im Jahr 2011 im Fall des Physikers schön jedoch geurteilt, dass sich der Begriff des unwürdigen Verhaltens nur auf das Wissenschaftliche beziehen dürfe. Wenn die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis und Redlichkeit verletzt würden, und dies in gravierender Weise, sei der Entzug eines Doktortitels rechtmäßig. Insbesondere der Schutz vor Irreführung sei in derlei Fällen maßgeblich.

Die Universität Konstanz hatte dem Physiker Schön 2004 indes noch den Doktortitel entzogen mit der alten Begründung der allgemeiner Unwürdigkeit dessen Gesamtlebensweise. Konkreter Hintergrund dieses Entzugs des Doktortitels war es, dass der Physiker Schön nicht nur zahlreiche Originaldaten und verwendete Proben nicht systematisch archiviert habe (nur so können diese Quellen von Dritten objektiv überprüft werden), sondern auch zahlreiche Daten manipuliert und falsch dargestellt worden seien.

Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte zwei Jahre später die Auslegung des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg in Mannheim. Das Bundesverwaltungsgericht zog ausdrücklich einen Schlussstrich über das überkommene Verständnis der Unwürdigkeit und stellte klar, dass nur eine wissenschaftsbezogene Auslegung der Unwürdigkeit einen Entzug des Doktortitels rechtfertige. Selbst Straftaten, und seien sie noch so schwerwiegend und ehrenrührig, würden den Entzug eines Doktortitels nicht (mehr) rechtfertigen,es sei denn, es handle sich um Straftaten mit Wissenschaftsbezug, also zum Beispiel Betrug bei Einwerben von Drittmitteln.

Quellen:

Wissenschaftsrat (WR): Empfehlungen zur wissenschaftlichen Integrität. Positionspapier. 2015 (Internetadresse am 25.06.2015)

Bundesverwaltungsgericht (BVerwG), Az. 6 C 9.12 vom 31.07.2013 (Internetadresse am 25.06.2015)