Was uns höhere Bildung wert ist

Im Rah­men der bal­di­gen Ein­füh­rung von Min­dest­löh­nen ist eine Berufs­grup­pe sicht­bar gewor­den: das Pre­ka­ri­at der uni­ver­si­tä­ren Lehr­be­auf­trag­ten. Es trägt teil­wei­se die Haupt­last der uni­ver­si­tä­ren Leh­re und ver­dient nichts. Ein Zustands­be­richt.

21,40 muss die Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin ent­spre­chend ihrer eige­nen Richt­li­nie vom 8. Okto­ber 2013 ihren Lehr­be­auf­trag­ten pro Lehr­ver­an­stal­tungs­stun­de min­des­tens zah­len. Brut­to­ein­kom­men aus selbst­stän­di­ger Tätig­keit ist das für die betref­fen­den Lehr­be­auf­trag­ten. Unter Abzug von aktu­ell 15,5 % Kran­ken­ver­si­che­rung und 18,9 % Ren­ten­ver­si­che­rung sind das 14,04 € pro Stun­de. Ohne Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rung. Vor Steu­ern. Unbe­zahl­te, aber not­wen­di­ge Zeit­auf­wän­de für die Vor­be­rei­tung, Betreu­ung, Prü­fung und Haus­ar­beits­kor­rek­tu­ren inklu­si­ve, die übli­cher­wei­se das 2–3-Fache der eigent­li­chen Lehr­stun­den aus­macht. Das macht bei einem durch­schnitt­lich zwei­ein­halb­fa­chen Zusatz­auf­wand tat­säch­lich 5,62 EUR pro Stun­de. Brut­to. Bei Krank­heit 100-pro­zen­ti­ger Ein­kom­mens­aus­fall garan­tiert. Und die Semes­ter­fe­ri­en, die pro Jahr fast ein hal­bes Jahr aus­ma­chen, sind natür­lich ein­kom­men­los.

Eine uni­ver­si­tä­re Lehr­kraft die durch­schnitt­lich 8 Stun­den pro Woche lehrt und dies 29 Vor­le­sungs-Wochen pro Jahr, kommt damit auf 232 Lehr­stun­den. Das sind Jah­res­ein­künf­te aus selb­stän­di­ger Tätig­keit in Höhe von 4.965,- € oder 413,73 € pro Monat. Brut­to. Oder 3.257 € pro Jahr nach Abzug der Kran­ken-und Ren­ten­ver­si­che­rung, das sind 271 € pro Monat. Net­to vor Steu­ern. Steu­ern zahlt man bei die­sen Ein­kom­men nicht.

Die Unter­richts­stun­de eines Hoch­schul­lehr­be­auf­trag­ten wird in Deutsch­land im Durch­schnitt mit 25 € pro Stun­de bezahlt. Das macht obi­ge Rech­nung nicht bes­ser.

Etwa 12 % aller Lehr­stun­den der gesam­ten Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin wer­den von die­sen Lehr­be­auf­trag­ten absol­viert. In ein­zel­nen Fach­be­rei­chen wie in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten über­neh­men die­se Lehr­be­auf­trag­ten ein Vier­tel aller Lehr­stun­den, am Spra­chen­zen­trum fast die Hälf­te. In ganz Deutsch­land gibt es etwa 90.000 sol­cher Lehr­be­auf­trag­te.

Die­se Mar­gi­na­li­sie­rung Hoch­qua­li­fi­zier­ter wird Gott sei Dank im Rah­men der bald kom­men­den Min­dest­löh­ne immer mehr ein Poli­ti­kum in Deutsch­land. So befass­te sich der Wis­sen­schafts­aus­schuss im Ber­li­ner Abge­ord­ne­ten­haus jüngst in einer Anhö­rung mit der Situa­ti­on von Lehr­be­auf­trag­ten in der Haupt­stadt. Die Gewerk­schaft Erzie­hung und Wis­sen­schaft stieß einen bun­des­wei­ten Akti­ons­tag an, um auf die pre­kä­re

Arbeits-und Lebens­si­tua­ti­on von Uni­ver­si­täts-Lehr­be­auf­trag­ten auf­merk­sam zu machen. Und auf der Peti­ti­ons­platt­form openpetition.de – eige­ner Slo­gan “ Platt­form für Bür­ger­initia­ti­ven, Peti­tio­nen, Kam­pa­gnen“ – gibt es seit neu­es­tem einen offe­nen Brief von Sozio­lo­gen an die Deut­sche Gesell­schaft für Sozio­lo­gie und an alle Kul­tur­wis­sen­schaft­ler. Dar­in wer­den ins­be­son­de­re Pro­fes­so­ren auf­ge­for­dert kon­se­quent zur Ver­bes­se­rung der Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se von Lehr­be­auf­trag­ten bei­zu­tra­gen. Ins­be­son­de­re lehnt die­ser Brief auch die Vor­stel­lung ab, Wett­be­werb wür­de die Qua­li­tät deut­scher Wis­sen­schaft stär­ken. Über 2.500 Men­schen haben die­sen Brief bis­her schon unter­schrie­ben.

Die Pri­vat­do­zen­ten wur­den in die­sem Zustands­be­richt noch ver­ges­sen. Pri­vat­do­zen­ten sind Men­schen, die die Befug­nis haben, an Hoch­schu­len in einem bestimm­ten Fach oder Fach­ge­biet selbst­stän­dig zu leh­ren. Sie sind dann auch befugt zu lesen. Doch die­se Befug­nis hat sei­nen Preis: in der Regel zwei Semes­ter­wo­chen­stun­den Pflicht­leh­re, auch als Titel­leh­re bezeich­net, ganz unent­gelt­lich. Kommt ein Pri­vat­do­zent die­sen Ver­pflich­tun­gen nicht ein oder zwei Jah­re lang nach, das ist in den Bun­des­län­dern und Hoch­schu­len unter­schied­lich gere­gelt, kann die­se Befug­nis selbst­stän­dig zu leh­ren und zu lesen und damit das Recht zum Füh­ren der Bezeich­nung „Pri­vat­do­zent“ wie­der ent­zo­gen wer­den.

Und zum Schluss noch ein klei­ner Ver­gleich: Ein Stu­di­en­rat an einem Gym­na­si­um erhält 85 € pro Unter­richts­stun­de. Und eine nicht qua­li­fi­zier­te, nicht gelern­te Büro­hil­fe in Deutsch­land im Durch­schnitt immer noch 10,17 EUR pro Arbeits­stun­de.