Unsere marode Hochschullandschaft

Viel Geld scheint künf­tig in die deut­sche Hoch­schul­land­schaft zu flie­ßen. Doch wie maro­de, unter­fi­nan­ziert, über­füllt und zuneh­mend min­der­qua­li­ta­tiv vor allem die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten sind, erschließt sich erst durch einen Ver­gleich.

26.000 € pro Erst­se­mes­ter will der Staat zwi­schen 2016 und 2023, also für einen Zeit­raum von sie­ben Jah­ren, bereit­stel­len. Knapp 10 Mil­li­ar­den € will der Bund dafür aus­ge­ben. Die Län­der geben noch 9,4 Mil­li­ar­den € dazu. Das macht knapp 20 Mil­li­ar­den € ins­ge­samt. Das beschlos­sen die Minis­ter­prä­si­den­ten ges­tern im Rah­men des Hoch­schul­pak­tes, der 2023 enden soll.

Auch die Exzel­lenz­in­itia­ti­ve der Uni­ver­si­tä­ten wird wie geplant wei­ter­ge­führt. Und der drei­pro­zen­ti­ge Auf­wuchs der außer­uni­ver­si­tä­ren Ein­rich­tun­gen allein aus Bun­des­mit­teln ab 2015 wur­de wie geplant eben­falls ver­ein­bart.

Was nach viel Geld aus­sieht, ist es in Wirk­lich­keit in kei­ner Wei­se. Viel­mehr sind die genann­ten Zah­len Bele­ge für eine ernst­haf­te Kri­se der deut­schen Hoch­schul­land­schaft, ins­be­son­de­re eine Kri­se der deut­schen Uni­ver­si­tä­ten, die erst durch einen Ver­gleich sicht­bar wird.

Der Ver­gleich soll durch­aus, wie in vie­len ande­ren Berei­chen unse­res Lebens auch, die USA sein. War­um? Weil es in vie­len ande­ren EU-Län­dern teil­wei­se noch schlech­ter bestellt ist um die Hoch­schu­len, z.B. auch in Frank­reich. Die US-Ame­ri­ka­ner indes geben dop­pelt so viel Geld pro Stu­dent aus wie die Deut­schen. Das ist ein erheb­li­cher Unter­schied, der ein gan­zes Land und sei­ne Zukunfts­fä­hig­keit trifft. Für Hun­der­te von Hoch­schu­len in Deutsch­land sol­len wei­ter­hin in sie­ben Jah­ren wie­der­ho­lend knapp 20 Mil­li­ar­den € aus­ge­ge­ben wer­den.. Das sind nicht ein­mal 3 Mil­li­ar­den € pro Jahr für alle deut­schen Hoch­schu­len zusam­men. Eine der Spit­zen­uni­ver­si­tä­ten der USA, die Har­vard Uni­ver­si­ty, ver­füg­te im Haus­halts­jahr 2012 indes über 4 Mil­li­ar­den US-Dol­lar, das ist umge­rech­net mit über 3 Mil­li­ar­den € etwas mehr, als alle Hoch­schu­len Deutsch­lands bald das gan­ze nächs­te Jahr­zehnt jähr­lich zur Ver­fü­gung haben. Die deut­sche Hoch­schul­po­li­tik ist in mate­ri­el­ler Hin­sicht untrag­bar.

Die damit ein­her­ge­hen­den Resul­ta­te sind augen­fäl­lig. Der Unter­schied zwi­schen Fach­hoch­schu­le und Uni­ver­si­tät wird wei­ter ein­ge­eb­net. Das ein­zi­ge, was die Uni­ver­si­tä­ten noch als Allein­stel­lungs­merk­mal haben, ist der­zeit das Pro­mo­ti­ons­mo­no­pol, das indes schon län­ger eben­falls kon­tro­vers dis­ku­tiert wird. Auch die Fach­hoch­schu­len möch­ten das Pro­mo­ti­ons­recht haben.

Die Qua­li­tät der Uni­ver­si­täts­aus­bil­dung wer­de so lan­ge sin­ken, wie immer mehr Stu­den­ten an die Uni­ver­si­tä­ten gelockt wer­den. Die­se Über­zeu­gung ist der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Phi­lo­soph Mark Roche von der Uni­ver­si­ty of Not­re-Dame, gele­gen im US-Bun­des­staat India­na zwei Auto­stun­den von Chi­ca­go ent­fernt, in sei­nem neu­en Buch „Was die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten von den ame­ri­ka­ni­schen ler­nen kön­nen und was sie ver­mei­den soll­ten“. Herr Roche ist auch der Über­zeu­gung, dass nur noch ein Seg­ment der deut­schen Uni­ver­si­täts­land­schaft das deut­sche ehe­ma­li­ge Bil­dungs­ide­al der Ein­heit von For­schung und Leh­re wird rea­li­sie­ren kön­nen. Die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten sei­en zu lang­sam, zu büro­kra­tisch, Beru­fungs­ver­fah­ren erfolg­ten nur im Schne­cken­tem­po und eine Fle­xi­bi­li­tät hin­sicht­lich der Ein­rich­tung von attrak­ti­ven Arbeits­plät­zen für her­vor­ra­gen­de Pro­fes­so­ren sei nicht gege­ben.

Dabei gebe es eine Fül­le von Mög­lich­kei­ten, die Situa­ti­on der Uni­ver­si­tä­ten zu ver­bes­sern. So könn­te nach Roche eine stär­ke­re Aus­dif­fe­ren­zie­rung der

Hoch­schul­land­schaft statt­fin­den. Bei­spiels­wei­se könn­te eine Uni­ver­si­tät gezielt Stu­den­ten anlo­cken, die als Ers­te in der eige­nen Fami­lie stu­die­ren. Ande­re Uni­ver­si­tä­ten könn­ten ihren Stand­ort oder ihre Grö­ße oder auch das regio­na­le Ein­zugs­ge­biet nut­zen, um ihr eige­nes Pro­fil zu schär­fen.

Auch das Steu­er­recht in Deutsch­land soll­te geän­dert wer­den: Wäh­rend Spen­den an Hoch­schu­len in Deutsch­land nur zu 10 % steu­er­ab­zugs­fä­hig sind, sind dies in den USA bei Bar­geld­spen­den 100 % und dies bis zu 50 % des berei­nig­ten Brut­to­ein­kom­mens.

Auch das Abschaf­fen der durch­aus ver­tret­ba­ren Stu­di­en­ge­büh­ren habe zu Mit­tel­knapp­heit der Hoch­schu­len bei­ge­tra­gen, so Roche wei­ter.

Staat­li­che För­der­mit­tel ohne Anrei­ze oder gar völ­lig zweckun­ge­bun­den frei­zu­ge­ben sei ein Feh­ler – und das dazu pas­sen­de Bei­spiel wäre das künf­ti­ge BAföG. Zur Erin­ne­rung: In Kür­ze wird der Bund die BAföG-Kos­ten voll­stän­dig selbst über­neh­men, die bis­her noch von Bund und Län­dern geteilt wer­den. Nicht weni­ge Bun­des­län­der wol­len die­se frei wer­den­den finan­zi­el­len Mit­tel aber nicht wei­ter in die Hoch­schul­land­schaft ste­cken, son­dern in alle mög­li­chen ande­ren Lan­des­teil­haus­hal­te.

Wei­ter­hin ist Deutsch­land mit der Ver­kür­zung des Abiturs auf zwölf Jah­re über das Ziel hin­aus geschos­sen. Denn damit genü­ge der an ein sol­ches Abitur ange­schlos­se­ne Bache­lor nicht mehr inter­na­tio­na­len Stan­dards, so Roche wei­ter. Zur Erin­ne­rung: Ein übli­cher drei­jäh­ri­ger deut­scher Bache­lor wird außer in Deutsch­land nir­gends auf der Welt als ers­ter berufs­qua­li­fi­zie­ren­den Hoch­schul­ab­schluss aner­kannt, sofern die­ser Bache­lor auf einem zwölf­jäh­ri­gen Abitur beruht.

Auch ein Aus­lands­pflicht­se­mes­ter könn­te die man­geln­de Mobi­li­tät der Stu­den­ten seit der Bolo­gna Reform erhö­hen, so Roches wei­te­re Idee.

Ja, Ide­en muss man eben haben. Und Geld.

Quel­le die­ser News:
Roche, Mark: Was die deut­schen Uni­ver­si­tä­ten von den ame­ri­ka­ni­schen ler­nen kön­nen und was sie ver­mei­den soll­ten. Felix Mei­ner Ver­lag 2014.
Wei­te­re Quel­len zu die­sem The­ma:
Ghost­wri­ter.nu: Pro­mo­ti­ons­recht für Fach­hoch­schu­len? Ghostwriter.nu-News vom 23.01.2014.
Ghostwriter.nu: Län­der wol­len Hoch­schul­gel­der zweck­ent­frem­den . Ghostwriter.nu-News vom 24.09.2014.
Ghostwriter.nu: G8-Abitur – Hoch­schul­ge­setz in Baden-Würt­tem­berg – „Brain Drain“? Ghostwriter.nu-News vom 26.02.2014.