Studiengebühren – Ein Selbstversuch

In Hei­del­berg, in Baden-Würt­tem­berg lie­gend, gab es im Som­mer­se­mes­ter 2012 noch Stu­di­en­ge­büh­ren. Seit dem Win­ter­se­mes­ter 2012/13 gibt es in Baden-Würt­tem­berg kei­ne Stu­di­en­ge­büh­ren mehr. In Ber­lin und Bran­den­burg gibt es schon seit Län­ge­rem kei­ne Stu­di­en­ge­büh­ren mehr. In Würz­burg, in Bay­ern lie­gend, gibt es bis heu­te Stu­di­en­ge­büh­ren. Bay­ern und Nie­der­sach­sen sind die ein­zi­gen Bun­des­län­der, die heu­te noch Stu­di­en­ge­büh­ren erhe­ben. Der baye­ri­sche Ver­fas­sungs­ge­richts­hof hat vor weni­gen Tagen einem Volks­be­geh­ren der dor­ti­gen Par­tei „Freie Wäh­ler“ gegen die Stu­di­en­ge­büh­ren statt­ge­ge­ben.

Ist Lite­ra­tur par­tout nur vor Ort zu bekom­men, so kann ein wis­sen­schaft­li­cher Ghost­wri­ter eine Rei­se machen und das Not­wen­di­ge mit dem Schö­nen ver­bin­den.

Eine sol­che schö­ne Rei­se ist z. B. die von Ber­lin nach Hei­del­berg. Hei­del­berg, mit die berühm­tes­te Uni­ver­si­täts­stadt Deutsch­lands, ist ein schö­ner Ort zum Ver­wei­len. Und war bis­her ein preis­wer­ter Ort für Stu­die­ren­de.

Mit durch­schnitt­lich 600 bis 650 Euro pro Monat ist man laut den Erhe­bun­gen der Stu­den­ten­wer­ke als Stu­dent in Deutsch­land „mit dabei“. Das sind die stu­den­ti­schen Lebens­hal­tungs- und Stu­di­en­kos­ten, gege­be­nen­falls ein­schließ­lich Stu­di­en­ge­büh­ren. Davon kann man z. B. in der Men­sa essen gehen. Das kos­te­te im August 2012 in der Mar­stall Men­sa in Hei­del­berg für einen Stu­den­ten noch 2,50 Euro, eine ganz nor­ma­le Por­ti­on. An der FU Ber­lin kommt man als Stu­dent für die glei­che Por­ti­on nicht unter dem dop­pel­ten Preis weg.

Auf dem Mar­stall-Men­sa-Gelän­de gibt es ein Stu­den­ten­haus; dort konn­te man im August 2012 noch für sage und schrei­be 1,50 EUR (in Wor­ten: ein Euro fünf­zig) ins Kino gehen.

Das stu­den­ti­sche Semes­ter­ti­cket für Hei­del­ber­ger Stu­den­ten kos­te­te für den gesam­ten Ver­kehrs­ver­bund Rhein-Neckar (VRN) 120,- EUR für das gan­ze Som­mer­se­mes­ter 2012, d.h. 20,- EUR pro Monat; damit kann man in der Tat von Bad Hom­burg in Hes­sen und Zwei­brü­cken im Rhein­land-Pfalz über Kai­sers­lau­tern, Lud­wigs­ha­fen, Mann­heim und Hei­del­berg bis hoch nach Würz­burg mit dem Zug fah­ren, also ein Mal quer durch ganz Baden-Würt­tem­berg. Das sind ca. 200 km Luft­li­nie. Nur um sich im Stadt­be­reich von Ber­lin zu bewe­gen, kos­ten die öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel für einen Stu­den­ten im Ver­gleich für den­sel­ben 6-Monats-Zeit­raum fast das Drei­fa­che, 324,- EUR; der ver­gleich­ba­re Bewe­gungs­raum mit den öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln des Ver­kehrs­ver­bun­des Rhein-Neckar (VRN), das Jah­res­ti­cket des Ver­kehrs­ver­bun­des Ber­lin-Bran­den­burg (VBB), kos­tet einen Stu­den­ten in der güns­tigs­ten Vari­an­te fast das Sechs­fa­che, 674,- EUR (umge­rech­net auf ein hal­bes Jahr). Das sind 554,- EUR mehr als in Hei­del­berg oder 54,- EUR mehr als die maxi­ma­len, meist ehe­ma­li­gen Stu­di­en­ge­büh­ren im glei­chen Zeit­raum. Nur für die Fort­be­we­gung mit den öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln!

Auf dem Rück­weg noch einen Umweg nach Würz­burg gemacht, um ein extrem teu­res Buch zu lei­hen, das es nicht in Ber­lin und auch nicht in Hei­del­berg, aber u. a. an der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek in Würz­burg gibt. Einen Biblio­theks­aus­weis machen las­sen, das Porte­mon­naie zum Zah­len gezückt, der Biblio­theks­an­ge­stell­te schaut

fra­gend auf das Porte­mon­naie, schnell wie­der weg gesteckt, den Biblio­theks­aus­weis mit dazu. Der ist kos­ten­los, und die Buch­lei­he auch. Auch für Nicht­stu­den­ten, Exter­ne. In Ber­lin hät­te das auch einen Stu­den­ten wenigs­tens 15,- EUR Biblio­theks­jah­res­ge­bühr gekos­tet. Pro Biblio­thek. Abge­se­hen davon, dass es in Ber­lin drei Voll­uni­ver­si­tä­ten gibt und meh­re­re Fach­hoch­schu­len, ist Ber­lin jedoch arm. Das sieht man auch an den Biblio­theks­be­stän­den. Man bekommt in Ber­lin fast jede erdenk­li­che Lite­ra­tur, wich­ti­ge oder teu­re Lite­ra­tur indes nicht sel­ten nur ein Mal an irgend­ei­ner Biblio­thek in ganz Ber­lin. Will man in Ber­lin ernst­haft wis­sen­schaft­lich arbei­ten, benö­tigt man des­halb etwa 10 Biblio­theks­aus­wei­se. Kos­ten­los ist an den Ber­li­ner Biblio­the­ken nichts. Ein Stu­dent lässt damit in Ber­lin, will er ordent­lich wis­sen­schaft­lich arbei­ten, gut und gern wenigs­tens 150,- Euro pro Jahr an Biblio­theks­ge­büh­ren. Für Exter­ne kos­tet es schnell das Dop­pel­te und mehr.

So ist ein Ber­li­ner Stu­dent ohne Stu­di­en­ge­büh­ren schon bei ca. 130,- EUR Mehr­kos­ten pro Semes­ter nur für ver­gleich­ba­re Fort­be­we­gung und Biblio­theks­kos­ten gegen­über einem Hei­del­ber­ger Stu­den­ten ein­schließ­lich des­sen dor­ti­gen Semes­ter-Stu­di­en­ge­büh­ren.

Zwei Mona­te spä­ter, Okto­ber 2012. Das Nütz­li­che mit dem Ange­neh­men ver­bin­den. Noch ein­mal eine Rei­se zurück nach Hei­del­berg, auch weil ein Feh­ler in den dor­ti­gen Biblio­the­ken gemacht und ein erneu­ter Besuch not­wen­dig wur­de. Das Essen in der Mar­stall-Men­sa kos­tet den Hei­del­ber­ger Stu­den­ten vor mir in der Schlan­ge an der Kas­se plötz­lich 6,60 Euro. Liegt da wirk­lich zwei­ein­halb Mal so viel auf dem Tel­ler wie bei letz­ten Stu­den­ten im August? Das Pla­kat mit dem 1,- EUR pro Kino­film ist ver­schwun­den. Das Semes­ter­ti­cket für Stu­den­ten kos­tet jetzt 140 Euro, das sind 17 % mehr als im letz­ten Semes­ter. Wie­der schnell in Würz­burg aus dem ICE gehüpft und zur Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek am Hub­land gefah­ren. Das extrem teu­re Buch per­sön­lich dort abge­ge­ben. Ein Spa­zier­gang durch die Innen­stadt gemacht. Und wie­der zurück nach Ber­lin. Es gibt an der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek in Würz­burg immer noch kei­ne Biblio­theks­ge­büh­ren, auch nicht für Exter­ne.

Und kei­ne Stu­di­en­ge­büh­ren zu erhe­ben ist sozi­al?

Harald Bahner