Keine Plagiatsprüfungen

143 Fäl­le von Wis­sen­schafts­pla­gia­te sind der­zeit an 45 Uni­ver­si­tä­ten im In- und Aus­land auf Vro­ni­Plag doku­men­tiert. In erst 46 Fäl­len ist eine Ent­schei­dung einer deut­schen Uni­ver­si­tät bekannt.

Der Grund liegt dar­in, dass sich deut­sche Hoch­schu­len und Hoch­schul­leh­rer mit Pla­gia­ten ganz offen­sicht­lich mehr als schwer­tun. Nicht sel­ten befas­sen sie sich wider­wil­lig mit Pla­gi­ats­vor­wür­fen bis hin zur Ver­schlep­pung oder gar „Ent­sor­gung“ der­lei Fäl­le.

So hat bei­spiels­wei­se eine Pro­mo­ti­ons­kom­mis­si­on einen Fall nicht dem zustän­di­gen Fakul­täts­rat vor­ge­legt, weil man sich angeb­lich nicht vor­stel­len konn­te, dass der betref­fen­de Autor vor­sätz­lich gehan­delt habe, der die Hälf­te sei­ner Arbeit aus ande­ren Quel­len wort­wört­lich über­nom­men hat­te. Nicht sel­ten wird der Über­brin­ger von Pla­gi­ats­sach­ver­hal­ten als der Haupt­übel­tä­ter ange­se­hen, von dem es sich zu distan­zie­ren gilt. Das zumin­dest und ande­res Erschre­cken­des in Bezug auf eine Ver­fol­gung von Pla­gi­ats­vor­wür­fen beschrei­ben die bei­den Pro­fes­so­ren Debo­rah Weber-Wulff von der Ber­li­ner Hoch­schu­le für Tech­nik und Wirt­schaft unter der Rechts­wis­sen­schaft­ler Ger­hard Dan­ne­mann vom Groß­bri­tan­ni­en-Zen­trum der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin in ihrem Zeit­schrif­ten­ar­ti­kel „Viel Licht und noch mehr Schat­ten“, der mor­gen in der Zeit­schrift „For­schung & Leh­re“ erschei­nen wird (Wulff-Weber/Dan­ne­mann 2015). Die­se bei­den Pro­fes­so­ren sind an der Pla­gi­ats­platt­form Vro­ni­Plag mit betei­ligt.

Die Ver­fol­gung von Pla­gi­ats­vor­wür­fen wird bei Poli­ti­kern offen­bar for­ciert, wäh­rend sie bei Wis­sen­schaft­lern eher lax gehand­habt wird, füh­ren Weber-Wulff und Dan­ne­mann in ihrem mor­gi­gen Fach­zeit­schrif­ten­ar­ti­kel aus. Acht von elf Poli­ti­kern wur­de der Dok­tor­ti­tel wegen Pla­gi­ats aberkannt, aber nur fünf von zwölf Wis­sen­schaft­lern. Wei­ter­hin sind alle Pla­gi­ats­ver­fah­ren bei Poli­ti­kern ent­schie­den, bei Wis­sen­schaft­lern indes nur die Hälf­te.

Weber-Wulff und Dan­ne­mann füh­ren in ihrem Fach­zeit­schrif­ten­ar­ti­kel beson­ders kras­se Bei­spie­le auf, wie Pla­gi­ats­vor­wür­fe unzu­rei­chend oder gar nicht ver­folgt und geahn­det wer­den. So erkann­te eine deut­sche Uni­ver­si­tät einem Dok­to­ran­den sei­ne Dis­ser­ta­ti­on wegen Pla­gi­ats ab. Dar­auf­hin nahm der Pla­gia­teur klei­ne Ände­run­gen am Text vor und reich­te die­sel­be Dis­ser­ta­ti­on an einer öster­rei­chi­schen Uni­ver­si­tät ein, wo die­se Arbeit ange­nom­men wur­de. Gegen­über dem Hin­weis­ge­ber die­ses Vor­falls wei­ger­te sich die öster­rei­chi­sche Uni­ver­si­tät, die­sem zu sagen, ob der Vor­fall über­haupt unter­sucht wer­de. Schließ­lich stell­te die betref­fen­de öster­rei­chi­sche Uni­ver­si­tät das betref­fen­de Ent­zugs­ver­fah­ren ein, und der Pla­gia­tor lehrt wie vor­her auch wei­ter­hin an einer deut­schen Hoch­schu­le.

Nicht weni­ge im uni­ver­si­tä­ren Wis­sen­schafts­be­trieb mei­nen, ohne das Geständ­nis eines Pla­gia­teurs vor­sätz­lich gehan­delt zu haben auch kei­nen Vor­satz nach­wei­sen zu kön­nen. Ohne Vor­satz kann es jedoch kei­nen Ent­zug eines Dok­tor­gra­des geben. Mit die­ser nicht nach­voll­zieh­ba­ren Kon­struk­ti­on – Vor­satz bestehe nur, wenn der vor­sätz­lich han­deln­de die­sen Vor­satz gesteht – konn­te eine Dok­to­ran­din 75 % ihrer Dis­ser­ta­ti­on aus der Habi­li­ta­ti­ons­schrift ihres Pro­fes­sors abschrei­ben und dann sogar noch selbst habi­li­tie­ren, weil nicht nur die­se Auto­rin einen Vor­satz nicht ein­ge­stand, son­dern der Dok­tor­va­ter auch äußer­te, er habe in der Dis­ser­ta­ti­on der Auto­rin sei­ne eige­ne Habi­li­ta­ti­ons­schrift nicht wie­der erkannt – und man die­sem Pro­fes­sor die­se Aus­sa­ge glaub­te.

Manch­mal spre­chen Uni­ver­si­tä­ten selbst bei ein­deu­ti­gen Pla­gia­ten auch nur eine Rüge aus oder stu­fen die Pro­mo­ti­ons­no­te her­un­ter, belas­sen aber den Dok­tor­grad.

Dabei gibt es gel­ten­des Recht und ein­schlä­gi­ge Emp­feh­lun­gen der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG).

Jen­seits des mor­gen erschei­nen­den Fach­zeit­schrif­ten­ar­ti­kels von Weber-Wulff und Dan­ne­mann ist auch die ver­mehr­te Pra­xis kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, in der eine Pro­mo­ti­on durch die Ver­öf­fent­li­chung meh­re­rer Auf­sät­ze in Fach­zeit­schrif­ten erfolg­reich absol­viert wird. Die­se soge­nann­te kumu­la­ti­ve Dis­ser­ta­ti­on kann nicht ernst­haft als gleich­wer­tig mit einer „Mono“-Dissertation ange­se­hen wer­den. Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang, dass ein Fall an der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin bekannt wur­de, in dem Dok­tor­va­ter an den Fach­zeit­schrif­ten­ar­ti­keln sei­nes eige­nen Dok­to­ran­den mit­ge­wirkt hat­te, die dann zu des­sen kumu­la­ti­ver Dis­ser­ta­ti­on führ­ten; der Dok­tor­va­ter hat­te mit der Beur­tei­lung der betref­fen­den kumu­la­ti­ven Dis­ser­ta­ti­on also auch sei­ne eige­nen Tex­te beur­teilt. Dies dürf­te womög­lich kein Ein­zel­fall sein. Ins­be­son­de­re in den Natur-und Tech­nik­wis­sen­schaf­ten neh­men kumu­la­ti­ve Dis­ser­ta­tio­nen zu, aber mitt­ler­wei­le auch in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten.

Quel­len:

Dan­ne­mann, Ger­hard / Weber-Wullff, Debo­ra: Viel Licht und noch mehr Schat­ten. Wie Uni­ver­si­tä­ten auf Pla­gi­ats­do­ku­men­ta­ti­on reagie­ren. In: For­schung & Leh­re 4/15.

Schmoll, Hei­ke: Kei­ne eigen­stän­di­ge Leis­tung. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 30.03.2015, S. 8.