Chancenreicher Studienabbruch

Eine hal­be Mil­lio­nen jun­ge Men­schen stu­die­ren mitt­ler­wei­le. Das sind über 50% der­je­ni­gen mit (Fach-)Hochschulreife. 100.000 von ihnen bre­chen das Stu­di­um indes vor­zei­tig ab. Jähr­lich. Die bis­he­ri­ge Kon­se­quenz für die­se Stu­di­en­ab­bre­cher: ein Arbeits­le­ben ohne abge­schlos­se­ner Aus­bil­dung, pre­kä­re Selbst­stän­dig­keit oder dau­er­ar­beits­los. Die Arbeits­lo­sen­quo­te für Men­schen ohne Berufs­ab­schluss beträgt kon­stant über 20 %; ihre Arbeits­plät­ze gel­ten als die unsi­chers­ten.

Im Jahr 2011 brach­te Aachen des­halb als ers­te Stadt Deutsch­lands ein Pro­gramm auf den Weg, dass Stu­di­en­ab­bre­chern auf attrak­ti­ve Wei­se eine Berufs­aus­bil­dung ermög­li­chen soll­te. Statt in drei Jah­ren kann ein Stu­di­en­ab­bre­cher seit­her in der Hälf­te der Zeit eine ordent­li­che Berufs­aus­bil­dung im Rah­men der dua­len Berufs­aus­bil­dung erhal­ten.“ Switch“ heißt die­ses Pro­gramm. Und es ist sehr erfolg­reich.

Denn auf der ande­ren Sei­te ste­hen Unter­neh­men, die hän­de­rin­gend nach Aus­zu­bil­den­den suchen, und Stu­di­en­ab­bre­cher sind hier­zu in beson­de­rer Wei­se qua­li­fi­ziert. Sie brin­gen Fach­kom­pe­tenz aus dem begon­ne­ne Stu­di­um mit und sind fast immer wesent­lich lebens­er­fah­re­ner als übli­cher­wei­se 15-oder 16-Jäh­ri­ge nach absol­vier­ter Haupt­schu­le oder mitt­le­rer Rei­fe bzw. Mit­tel­schu­le.

In Aachen gibt es der­zeit drei Aus­bil­dungs­be­ru­fe: Fach­in­for­ma­ti­ker, Indus­trie­kauf­mann und Mecha­tro­ni­ker. Inter­es­sier­te Stu­di­en­ab­bre­cher müs­sen einen Eig­nungs­test machen, erhal­ten dar­auf­hin eine inten­si­ve Tele­fon­be­ra­tung und Unter­stüt­zung bei der Erstel­lung der Bewer­bungs­un­ter­la­gen, und danach wird ein Kurz­pro­fil an die betei­lig­ten Aus­bil­dungs­be­trie­be über­sandt. In Aachen neh­men der­zeit 140 Unter­neh­men an die­sem Pro­gramm teil. Die meis­ten, die eine sol­che Berufs­aus­bil­dung machen, wer­den von den Lehr­be­trie­ben dann auch als Fest­an­ge­stell­te über­nom­men.

Ein ande­res Bei­spiel ist das Pro­gramm „Your Turn“ der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer Ber­lin. Jün­ger und klei­ner als das Pro­gramm der Stadt Aachen erhal­ten Stu­di­en­ab­bre­cher hier Tipps für die Bewer­bung und eine Lis­te teil­neh­men­der Unter­neh­men. Prak­tisch immer wird das Ziel einen Aus­bil­dungs­platz zu bekom­men erreicht. Auch Stu­di­en­ab­bre­cher, die in pre­kä­ren Selb­stän­dig­keits­ar­beits­ver­hält­nis­sen leben, wer­den von die­sem Pro­gramm unter­stützt.

Ins­be­son­de­re die ver­kürz­te Aus­bil­dungs­zeit trägt offen­bar zur Attrak­ti­vi­tät der­lei Pro­gram­me bei. Die dua­le Berufs­aus­bil­dung wird gleich­zei­tig auf­ge­wer­tet. Die OECD, die vor Jah­ren noch Deutsch­land dafür kri­ti­sier­te zu weni­ge Aka­de­mi­ker aus­zu­bil­den und im inter­na­tio­na­len Bil­dungs­ver­gleich des­halb abge­hängt zu wer­den, hat den eige­nen Wert der dua­len Berufs­aus­bil­dung mitt­ler­wei­le end­lich erkannt und ihre frü­he­re Hal­tung der Igno­rie­rung der dua­len Berufs­aus­bil­dung in Deutsch­land voll­stän­dig revi­diert. Das dua­le Aus­bil­dungs­sys­tem in Deutsch­land gilt heut­zu­ta­ge viel­mehr als mit maß­geb­lich dafür, dass Deutsch­land die Finanz­kri­se ab 2008 inner­halb der EU und auch welt­weit mit am bes­ten über­stan­den hat.

Stu­di­en­ab­bre­cher wer­den offi­zi­ell als Bil­dungs­ab­stei­ger bezeich­net. Dass eine sol­che Stig­ma­ti­sie­rung nie­man­dem etwas bringt, hat nun auch die Bun­des­re­gie­rung erkannt. Gemäß Koali­ti­ons­ver­trag der Bun­des­re­gie­rung sol­len Stu­di­en­ab­bre­cher des­halb in beson­de­rer Wei­se geför­dert wer­den. Das Pro­gramm der Bun­des­re­gie­rung „Job­star­ter Plus“ unter­stützt seit weni­gen Wochen, seit Anfang 2015, end­lich ins­ge­samt 18 Pro­jek­te finan­zi­ell, die wie in Aachen oder Ber­lin in ganz Deutsch­land ver­teilt Stu­di­en­ab­bre­cher zu einer Berufs­aus­bil­dung ver­hel­fen wol­len. Künf­ti­ges Ziel eines Teils die­ser Pro­jek­te ist es, dass sie die allei­ni­ge Anlauf­stel­le von Stu­di­en­ab­bre­chern wer­den und eine intak­te Ver­net­zung von Hoch­schu­le und Wirt­schaft, Stadt und Uni­ver­si­tät, Arbeits­agen­tur und Stu­den­ten auf­bau­en und auf­recht­erhal­ten.