Aktuelles zu Bologna

Seit der Bolo­gna-Bil­dungs­re­form vor 15 Jah­ren gibt es Kri­tik an Sinn und Inhalt die­ser Reform. Der jüngs­te Eva­lua­ti­ons­be­richt, der ver­gan­ge­ne Woche auf der Bolo­gna-Kon­fe­renz in Eri­wan, Arme­ni­en, vor­ge­stellt wur­de, befeu­ert die­se Kri­tik nun wie­der.

47 Staa­ten hat der Bolo­gna-Raum nun, dar­un­ter unter ande­rem auch Arme­ni­en, Russ­land oder Kasach­stan. Fast über­all in die­sem Raum erwirbt man heu­te im Stu­di­um den Bache­lor, Mas­ter und Kre­dit­punk­te. Von einer Ver­gleich­bar­keit oder gar auto­ma­ti­schen Aner­ken­nung die­ser Hoch­schul­ab­schlüs­se in allen Län­dern des Bolo­gna-Raums kann jedoch wei­ter nicht gespro­chen wer­den. Dar­über hin­aus sind die fak­ti­schen Qua­li­fi­zie­rungs­un­ter­schie­de in den ein­zel­nen Län­dern und in den unter­schied­li­chen Hoch­schu­len offen­sicht­lich wei­ter­hin gewal­tig. Letzt­lich gibt es auch gro­ße Unter­schie­de in der wei­te­ren Hand­ha­bung der Refor­min­stru­men­te.

Alle 2–3 Jah­ren tref­fen sich die euro­päi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten, um die wei­te­re Agen­da der Bolo­gna-Reform fest­zu­le­gen. Dar­un­ter waren die­ses Mal das Hand­buch für das Kre­dit­punk­te­sys­tem und die Richt­li­ni­en für die Qua­li­täts­si­che­rung in über­ar­bei­te­ter Form.

Der Ver­such der Bolo­gna-Län­der, Dok­to­ran­den bzw. Pro­mo­ti­ons­stu­den­ten eben­falls Kre­dit­punk­te vor­zu­schrei­ben, wie dies in Bache­lor-und Mas­ter­stu­di­en­gän­gen üblich ist, sowie Berufs­se­mi­na­re für Dok­to­ran­den, konn­te die Deut­sche Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz im Vor­feld indes bis­her noch abwen­den.

Dafür ist Mobi­li­tät jetzt der zen­tra­le Punkt der Hoch­schul­qua­li­fi­zie­rung. Dem Sor­gen­kind Bache­lor soll durch ver­stärk­te Koope­ra­tio­nen mit Unter­neh­men mehr Schub und Akzep­tanz ver­lie­hen wer­den. Und das neue Reiz­wort auch auf die­ser Bil­dungs­ebe­ne ist Inklu­si­on. Eine Vor­stel­lung von höhe­rer Bil­dung im Sin­ne von Wahr­heits­su­che, Erkennt­nis­stre­ben oder kri­ti­scher Refle­xi­on fehlt in die­sem jüngs­ten Eva­lua­ti­ons­be­richt jedoch wei­ter­hin.

Studentenmobilität

Die Stu­den­ten­mo­bi­li­tät, eines der gro­ßen Reform­zie­le, ist zwar gestie­gen. Die ange­streb­ten 50 % mehr wer­den jedoch nicht erreicht; es sind nur 30 % mehr. In Deutsch­land selbst sieht dies indes bedeu­tend anders aus. Nach der aktu­ell letzt­ver­füg­ba­ren Pres­se­mit­tei­lung des deut­schen Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums von Juli 2014 stu­die­ren heu­te dop­pelt so vie­le Aus­län­der in Deutsch­land und drei­mal so vie­le deut­sche Stu­den­ten im Aus­land wie noch vor der Bolo­gna-Reform.

Qualitätsprobleme unter den Bologna-Ländern

Das größ­te Pro­blem bleibt jedoch offen­sicht­lich die qua­li­ta­ti­ve Anglei­chung des Bolo­gna-Raums. So wird in man­chen Staa­ten vor­ge­schrie­ben, dass ein Bache­lor­stu­di­um 210 Kre­dit­punk­te auf­wei­sen müs­se, in ande­ren Län­dern sind es 240 Kre­dit­punk­te und in wie­der ande­ren 180 Kre­dit­punk­te. Auch beim Mas­ter­stu­di­um gibt es erheb­li­che Unter­schie­de, hier kön­nen die staat­li­chen Vor­ga­ben um bis zu 120 Kre­dit­punk­te von­ein­an­der abwei­chen. Tat­säch­lich beschrei­ben Kre­dit­punk­te aber nur einen abs­trak­ten Arbeits­auf­wand. Tat­säch­li­che Kom­pe­ten­zen wer­den damit nicht abge­bil­det. Dies soll jetzt mit­tels einer ver­stärk­ten Bin­dung an im Modul­ver­lauf erwor­be­ne Kom­pe­ten­zen geän­dert wer­den. Kom­pe­ten­zen selbst sind jedoch ein ziem­lich vager Begriff. Die tat­säch­li­chen Fähig­kei­ten und Kennt­nis­se, die im Bache­lor­stu­di­um und Mas­ter­stu­di­um erwor­ben wer­den, wer­den damit wei­ter­hin nicht abge­bil­det.

Aus eben die­sem Grund hal­ten die Hoch­schu­len im gan­zen Bolo­gna Raum bis­her eisern dar­an fest, über die Aner­ken­nung von Stu­di­en­leis­tun­gen und selbst Hoch­schul­ab­schlüs­sen selbst zu ent­schei­den. Und dies, obwohl die Lis­sa­bon­ner Kon­ven­ti­on eigent­lich vor­schreibt, dass der­lei Aner­ken­nun­gen auto­ma­tisch zu erfol­gen haben.

Dies weist auf erheb­li­che Qua­li­täts­si­che­rungs­de­fi­zi­te hin. Zwar ist für fast alle Stu­di­en­gän­ge im Bolo­gna-Raum mitt­ler­wei­le eine exter­ne Akkre­di­tie­rung ein­ge­führt. Doch eine Qua­li­täts­aus­sa­ge an sich, erst Recht ver­glei­chen­de Qua­li­täts­aus­sa­gen, geben die­se Akkre­di­tie­run­gen nicht her.

Problemfall Bachelor

Wei­ter­hin macht der Bache­lor im gesam­ten Bolo­gna Raum Sor­gen. In Deutsch­land bei­spiels­wei­se stu­die­ren fast 80 % aller Stu­den­ten nach dem Bache­lor den Mas­ter. Das weist auf ein ordent­li­ches Miss­trau­en gegen das Bache­lor­stu­di­um hin. Von schnel­len Abschlüs­sen, mit­hin eines der Haupt­grün­de der Bolo­gna-Reform, ist damit so wenig zu sehen wie vor Beginn der Bolo­gna-Form, zumin­dest in Deutsch­land. In ande­ren Bolo­gna-Län­dern beträgt die Mas­ter­ab­schluss­quo­te zwi­schen 25 und 75 %.

Dies alles ändert nichts dar­an, dass die Stu­di­en­ab­bre­cher­quo­te sowohl in Deutsch­land als auch im gesam­ten Bolo­gna-Raum nach wie vor hart­nä­ckig bei rund 30 % liegt.

In Deutsch­land wird ver­sucht die Bolo­gna-Regeln etwas wei­ter aus­zu­le­gen und bei­spiels­wei­se den Bache­lor von sechs auf sie­ben oder acht Jah­re aus­zu­wei­ten. Stei­gen die Stu­den­ten­zah­len jedoch wei­ter wie in den letz­ten Jah­ren und bleibt die Hoch­schul­fi­nan­zie­rung ins­ge­samt so zäh wie eben­falls in den letz­ten Jah­ren, stellt sich die Fra­ge, ob die weit­ge­hen­de Ver­schu­lung des Bache­lor­stu­di­ums, eines der Haupt­kri­ti­ken gegen das Bache­lor­stu­di­um, tat­säch­lich gestoppt wer­den kön­nen.

 

Ins­ge­samt scheint wei­ter­hin – und dies ins­be­son­de­re aus deut­scher Sicht – eine Bolo­gna-über­grei­fen­de Bil­dungs­idee zu feh­len.

 

Quel­len:

Euro­pean Commission/EACEA/Eurydice, 2015. The Euro­pean Hig­her Edu­ca­ti­on Area in 2015: Bolo­gna Pro­cess Imple­men­ta­ti­on Report. Luxem­bourg: Publi­ca­ti­ons Office of the Euro­pean Uni­on. http://bologna-yerevan2015.ehea.info/files/Bologna_2015_125dpi.pdf (ver­öf­fent­licht im Mai 2015, Stand 20.05.2015).

Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung: Deutsch­land ist welt­of­fen. Pres­se­mit­tei­lung 063/2014 vom 15.07.2014. http://www.bmbf.de/press/3629.php (Stand 20.05.2015).