Keinen Entwurf Ihrer Doktorarbeit schreiben lassen, sondern selbst schreiben - Tipps
I. Ihre Bezugspersonen
Stellen Sie gegenüber ALLEN Ihren Bezugspersonen EINDEUTIG klar, dass Sie in nächster Zeit Ihre Doktorarbeit schreiben wollen/müssen, und dass diese Aufgabe einen Großteil Ihrer Kraft beanspruchen wird.
Ihre Bezugspersonen sind an ERSTER STELLE Ihr/e Partner/in und Ihre Kinder bzw. gegebenenfalls Ihre Eltern, dann auch Ihre Freunde.
ACHTUNG BEZIEHUNGSFALLE!:
Wenn Sie Ihre Doktorarbeit schreiben und dabei Ihre emotionalen Bindungen nicht voll und ganz akzeptieren und WEITERHIN VOLLINHALTLICH PFLEGEN, haben Sie sehr gute Chancen zu SCHEITERN! Seien Sie ein Maurer! Arbeiten Sie REGELMÄßIG von ... bis. Und dann muss auch Feierabend sein! Und: Die Wochenenden sind FREI für Sie selbst und die Menschen, die Sie lieben!
Bedenken Sie bei alledem auch: Ihre Doktorarbeit schreiben wird Sie in der Regel zwei Jahre Ihres Lebens IN VOLLZEIT kosten - und dementsprechend länger, wenn Sie weiterhin arbeiten müssen/wollen. In diesem Fall sollten Sie sich ebenfalls im Klaren darüber sein, dass Sie sich MINDESTENS im Maße eines Fernstudenten oder Abendschülers in Vollzeitarbeit beanspruchen wollen. Die Abbrecherquote dieser Form von Bildung und Weiterbildung liegt im Durchschnitt bei weit über 50 %; wenn Sie diese Doppelbelastung durchhalten, werden Sie im Durchschnitt (!) fünf bis sieben Jahre an Ihrer Doktorarbeit schreiben (Hilke Segbers, in: SPIEGEL ONLINE vom 28.8.2003).
II. Ihr Arbeitsplatz
Machen Sie Ihr Zuhause KEINESFALLS zu Ihrem Büro! Sie brauchen Ihre auch räumliche Intimsphäre existenziell. Sie müssen einen Platz haben, wo Sie LOSLASSEN können und mit nichts anderem beschäftigt sein müssen als mit Ihrem wirklichen seelischen Sein und mit den Ihren!
Suchen Sie sich deshalb einen Arbeitsplatz, der räumlich eindeutig von Ihrem Zuhause getrennt ist. Auch das extra Arbeitszimmer in der Wohnung oder der Keller im eigenen Haus sind NICHT wirklich GEEIGNET! Da fehlt die Distanz!
Und wenn Sie sich einen extra Arbeitsplatz nicht leisten können, gehen Sie in die größte Bibliothek, die es an Ihrem Wohnort gibt! Denn: Denken braucht RAUM! Ein kleines Arbeitszimmer ist deshalb auch nicht zu empfehlen! Haben Sie Probleme mit bevölkerten Bibliotheken? Sie werden sich daran gewöhnen. Eine große und bevölkerte Bibliothek ist allemal besser als ein 10 qm kleines Arbeitszimmer mit Blick auf einen dunklen Hinterhof wo auch immer oder eine Besenkammer in der eigenen Wohnung.
III. Sie selbst
Sie müssen sich eines ganz klar sein: Ihre Doktorarbeit schreiben fordert EINSAMKEIT und macht EINSAM! Eine klare äußere Struktur, die Ihnen das Arbeiten und gleichzeitig die emotional-seelischen Grundlagen Ihres Daseins weiterhin ermöglicht, ist deshalb äußerst wichtig: Das Verständnis Ihrer Bezugspersonen noch vor Beginn der Arbeit erlangen, Arbeiten von ... bis, konsequente Trennung von Wohnen und Arbeiten. Nochmals: Seien Sie ein Maurer! Machen Sie jeden Werktag deutlich Schluss, sonst laufen Sie Gefahr, dass Ihre Doktorarbeit mit Ihnen Schluss machen wird!
IV. Der Kern Ihres Arbeitens: Die Literaturrecherche
Ohne Fundament kann kein Haus stehen. Ihr Fundament ist die LITERATUR-RECHERCHE und Literatur-Bewertung! Mit diesen beiden Aspekten steht und fällt Ihre gesamte Arbeit.
Für jede Doktorarbeit schreiben gilt: Sie müssen nicht alles zum Thema vollständig gelesen haben. Aber: Sie müssen ALLE Literatur zum Thema wenigstens ein Mal in der Hand gehabt haben. Sie müssen ALLE Literatur zum Thema zumindest dem Inhalt nach kennen - und sei es nur die Inhaltsangabe und die Einleitung sowie das Schlusswort. Sie müssen sich zuallererst einen lückenlosen Überblick über Ihr Thema verschaffen.
1. Schritt: Sich einen kompletten Überblick über die Literatur zum Thema verschaffen
Recherchieren Sie zuerst im Internet unter DER überregionalen Literaturrecherchedatenbank in Deutschland, dem Karlsruher Virtuellen Katalog. Sinnvoll ist es zunächst, hier ALLE deutschsprachigen Kataloge auszuwählen, das heißt neben den deutschen regionalen Katalogen auch die österreichischen und schweizerischen Kataloge - und wenn Ihr Thema stark fremdsprachenbasiert ist, müssen Sie die Literaturrecherche hier natürlich auf die ausländischen Kataloge ausweiten! So bekommen Sie sowohl den schnellsten und vollständigen Überblick über die gesamte Literatur zu Ihrem Thema als auch gleichzeitig einen Eindruck über die Verfügbarkeit dieser Literaturen. Je nach Thema kann das Rechercheergebnis hier sehr umfangreich sein. Verzweifeln Sie nicht, nehmen Sie sich ganz viel Zeit, denn die Literaturrecherche ist, wie ich schon sagte, das Fundament Ihrer Arbeit. Beißen Sie sich durch!
Die zweite Literaturrecherchedatenbank ist im Falle einer Doktorarbeit schreiben in deutschsprachiger Hinsicht buchhandel.de, die Online-Ausgabe des früheren "Verzeichnis Lieferbarer Bücher" in Deutschland, nach dem sich damals wie heute jeder Buchhändler orientiert, oder auch amazon.de. Sie MÜSSEN im Falle eines Doktorarbeitsvorhabens in diesen Katalogen zwingend recherchieren, um die neuesten Titel zu Ihrem Thema ausfindig machen zu können, denn angesichts der finanziellen Situation der öffentlichen Hand in Deutschland sind öffentliche Bibliotheken je nach Region oder Bundesland seit Längerem schon zunehmend nicht mehr in der Lage, die aktuellsten Titel zum jeweiligen Thema zu beschaffen oder zumindest zeitnah zu beschaffen. Sie müssen im Falle einer Doktorarbeit grundsätzlich mit ein paar hundert Euro Buchkaufkosten rechnen. Aber STOPP: Kaufen Sie erst, wenn es nicht anders möglich ist (siehe weiter unten)!
2. Schritt: Dauerhaftes Sichern der Literaturrecherche-Ergebnisse
Drucken Sie sich ALLE Literatur aus, von der Sie meinen, dass sie mit Ihrem Thema auch nur im Entferntesten zu tun haben könnte. VERLASSEN SIE SICH NIE AUF ELEKTRONISCHE SPEICHERMEDIEN! Denn bedenken Sie: Ihre Doktorarbeit schreiben wird wenigstens zwei Jahre lang dauern, und wenn Sie sie neben Ihrer Arbeit machen, vielleicht auch sieben Jahre. Wann wird Ihr Computer abstürzen, obwohl die heutigen Computersysteme sehr stabil sind? Welche Computerprobleme können im Laufe von zwei Jahren auftreten? Wann wird vielleicht nur ein winzig kleiner Teil der hauchdünnen Speicherschicht Ihrer CD-ROM abplatzen und sie so womöglich unleserlich machen oder zumindest wichtige Daten? Wo hatten Sie Ihren USB-Stick das letzte Mal gesehen? Außerdem erleichtert Gedrucktes die Informationsaufnahme erheblich: Die Lesegeschwindigkeit an einem Bildschirm halbiert sich im Vergleich zu auf Papier Gedrucktem. Darüber hinaus sind Sie überwiegend mit papierner Textbasiertheit von Informationen aufgewachsen. Das gilt bis heute: Trotz aller Computerverbreitung findet Schule und Studium auch im 21. Jahrhundert ganz überwiegend mit Büchern, Heften und Stiften statt! Auf elektronische Medien Ihre Literaturrechercheergebnisse speichern können Sie parallel zum Papierausdruck trotzdem nach Herzenslust, auch zur Arbeitserleicherung. Nur der Boden, auf dem Ihre Literaturrechercheergebnisse ruhen, sollte unbedingt Papier sein.
Tipp: Wenn Sie anfangen Papier zu sparen, kommen Sie nicht weit. Keine doppelseitigen Ausdrucke! Wenn Sie später Ihren Literaturfundus ordnen wollen, haben Sie sonst immer noch eine Literaturangabe auf der Rückseite Ihres Blattes Papier, das Sie woanders hinordnen wollen/müssen.
3. Schritt: Welche Literatur ist sofort verfügbar?
Die Ernüchterung. Suchen Sie jetzt von dieser ganzen Literatur - immer noch nur dem Titel nach, also "trocken" am Computer - diejenige aus, die die Bibliotheken in Ihrer Nähe tatsächlich auch haben.
4. Schritt: Die Lücken einer Online-Literaturrecherche schließen
Und jetzt gehen Sie in diejenigen Fachbibliotheken, von denen Sie wissen oder meinen, dass diese am besten geeignet sind für Ihr Fachgebiet und Ihr Thema. Wühlen Sie sich hier durch die Bücherregale Ihres Themas! Denn: Autorennamen und Buchtitel in den Datenbanken erschließen Ihnen zwar einen Großteil, aber eben doch nicht alle Literaturen zu Ihrem Thema. Ein kleines (erfundenes) Beispiel: Karl Hugo, "Zum Liebesleben der Maikäfer". Was ist das Hauptthema dieses Buches? Liebesleben? Maikäfer? Verhaltensbeobachtungen an Insekten? Es sind die biochemischen Prozesse am 7. DNS-Gen - und nicht Liebesleben oder Maikäfer. Darauf kommen Sie aber nur, wenn Sie dieses Buch in der Hand halten und wenigstens die Inhaltsangabe gelesen haben. Das ist aber Ihr Thema: Die biochemischen Prozesse am 7. DNS-Gen von Insekten. Verzeichnen Sie akribisch genau diese so aufgefundene Literatur und nehmen Sie sie am besten gleich mit nach Hause, sofern dies möglich ist. Diese hier gefundenen Bücher sind Ihre ersten in Ihrem Doktorarbeitsbücherregal.
5. Schritt: Die Buchausleihe in Ihrer unmittelbaren Umgebung
Leihen Sie sich jetzt alles, was Sie in Ihrer unmittelbaren Umgebung bekommen können.
6. Schritt: Die Fernleihe
Die Fernleihe ist für Ihre Doktorarbeit schreiben unverzichtbar! Hierbei ist die Handhabung des Fernleihens seit Beginn des Jahres 2005 teilweise erheblich vereinfacht worden (die Handhabung! Die Geschwindigkeit, mit der Sie die ferngeliehenen Literaturen erhalten, ist jedoch leider nicht besonders gestiegen). Jede größere Universitätsbibliothek hat sich mitterweile dem deutschsprachigweiten Online-Fernleihsystem angeschlossen. Leihen Sie sich auf diesem Wege jetzt alle Bücher, von denen Sie meinen, dass sie mit Ihrem Thema zu tun haben, die in Ihrer unmittelbaren Umgebung aber nicht verfügbar sind oder die Sie aus welchen Gründen auch immer vor Ort nicht leihen konnten. Das kostet Sie heute in der Regel immer noch zwischen zwei und vier Wochen Zeit. Und es muss sein!
7. Schritt: Die Lektüre
Beginnen Sie mit der Lektüre der Literatur, die Sie jetzt haben, während die Fernleihe läuft. Nehmen Sie jedes Buch in die Hand, lesen Sie jede Inhaltsangabe und wenn Sie glauben, dass dieses oder jenes Buch wichtig sei für Ihr Thema, auch die Einleitung und den Schluss. Sortieren Sie strikt aus. Machen Sie eine Literatur-Hierarchie. Finden Sie fünf bis sieben Hauptbücher. Finden Sie Nebenbücher. Lesen Sie alles Wichtige in ALLEN themenrelevanten anderen Büchern. Wenn Sie dann Ihre Fernleihe-Buchpakete erhalten, korrigieren Sie Ihre Literaturauswahl gewissenhaft. Da kann es sein, dass Sie inzwischen ein oder zwei Bücher von A-Z gelesen haben und nach Einsicht aller Literatur zum Thema stellt sich heraus, das genau diese zwei Bücher, die Sie die letzten Wochen gelesen haben, doch nicht genau die richtigen waren, doch nicht zum Kern Ihrer Literatur gehören. Machen Sie sich nichts daraus. Das gehört zum Doktorarbeit Schreiben dazu. Und: Auf dem Niveau einer Doktorarbeit ist nichts umsonst gelesen, was mit Ihrem Thema in etwa zu tun hat.
Seien Sie kein Perfektionist! Wissenschaft ist nicht das zweihundertprozentige Sich-Halten an vermeintlich strikte Vorgaben, wie viele glauben. Wissenschaft ist ein bestimmter Ausdruck von Emotion, Intuition und (Vor)Ahnung der wissenschaftlich arbeitenden Person. Hier wäre ich bei dem Spannungsverhältnis von Subjektivem, Objektivem und Wahrheit angelangt. Das ist aber Wissenschaftsphilosophie und damit nicht das Thema meiner Tipps.
8. Schritt: Die Wiederholungen von Schritt 1 bis 7
Sie werden bei der Lektüre Ihrer Literatur auf weitere Literatur zu Ihrem Thema stoßen, die sich Ihnen in Ihrer bisherigen titel- und monographiezentrierten Literaturrecherche nicht erschlossen hat und fast immer aufgrund von vom Thema sinninhaltlich teils stark abweichender Buchtitel und auch aufgrund von Fachaufsätzen, die in den existierenden Online-Literaturrecherchedatenbanken nur teilweise auffindbar sind, auch nicht erschließen kann. Korrigieren Sie Ihre Literaturauswahl ständig und gewissenhaft. Scheuen Sie sich nicht, die einmal erstellte Literaturhierarchie zu ändern, selbst mehrmals, auch wenn dies womöglich teils erhebliche Mehrarbeit bedeuten kann. Sie müssen in der Regel davon ausgehen, dass Sie Ihren Literaturfundus, das heißt die obigen Schritte 1 bis 7, zwei bis drei Mal wiederholen müssen.
Dann wissen Sie umfassend, um was es geht bei Ihrem Thema. Und dann ist das erste Jahr in Vollzeit auch schon rum.
V. Das Wesentliche
Bedenken Sie jetzt: Ihre Doktorarbeit muss etwas Neues bringen, was Ihr Fachgebiet zum Thema wissenschaftlich deutlich weiterbringt. Es ist keinesfalls ausreichend, die schon vorhandenen Kenntnisse und Erkenntnisse noch einmal in welcher Form auch immer zu wiederholen. Eine solche bloße Darstellung ist bestenfalls - und auch das immer weniger - das Niveau einer Hochschulabschlussarbeit. Sie müssen sich schon tiefer - und geistig selbständig - in die Materie Ihres Themas hineindenken. Deshalb ist kein Buch zuviel gelesen, dass Sie einmal in der Hand gehalten haben. Lesen Sie deshalb auch ruhig ein bisschen um Ihr Thema herum.
Und dann: Basteln Sie Ihre Arbeit zusammen. Vertrauen Sie auf sich selbst! Und: Schreiben Sie NIE Wort für Wort ab. Es gibt seit geraumer Zeit schon Computerprogramme, die Texte vergleichen und Plagiate gut erkennen können. Und Sie können absolut sicher sein, dass Ihre Hochschule Ihre Doktorarbeit mit eben diesen Programmen nach Plagiaten untersuchen wird! Andererseits gilt auch bis heute: Jeder kupfert vom anderen ab im wissensschaftlichen Betrieb. Das war schon immer so. Und außerdem: Gedanken - mithin das Entscheidende bei einer Doktorarbeit - können Sie nicht abkupfern! Geklaute und damit bloß wiedergekäute Gedanken erkennt Ihr Betreuer, der immer Spezialist in Ihrem Thema ist oder mit einem Spezialisten Ihres Themas zusammen arbeiten wird, sofort!
VI. Die Zeit
Sie haben für das Schreiben einer Doktorarbeit in der Regel zwei Jahre Zeit, im Falle einer Doktorarbeit neben Ihrem Beruf dauert es im Durchschnitt fünf bis sieben Jahre, bis Sie fertig sind. Sieben oder auch nur zwei Jahre sind eine lange Zeit. Sie müssen sich einen realistischen Zeitplan erstellen, den Sie strikt einzuhalten haben, unabhängig davon, wo Sie sich nach Ablauf der Zeit befinden, so schwer das auch fallen mag. Sie müssen in diesem geplanten Zeitablauf dann das nehmen, was Sie erarbeitet haben und fertig! Sonst finden Sie nie ein Ende.
Die zeitliche Faustregel lautet:
2/10 Literaturrecherche - 3/10 Lesen - 5/10 Schreiben.
Selbstverständlich übernehme ich keinerlei Gewähr für ein Gelingen Ihrer Bachelor Thesis, die Sie nach meinen oben aufgeführten Tipps selbst erstellen.
Und nun: Viel Glück!
Und wenn Sie doch Unterstützung für Ihre Doktorarbeit brauchen: Klicken Sie zum Kontakt
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